Die Entscheidung bedeutet auch: Zwei von drei katholischen Kirchen in Kempen werden auf Dauer geschlossen. Dafür wird die altehrwürdige Propsteikirche fit gemacht für die aktuellen Anforderungen. Dazu werden die Planungen nun konkret.
Drei katholische Kirchen gibt es derzeit in Alt-Kempen, in denen regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden: die Propsteikirche St. Mariae Geburt im Herzen der Altstadt, die Kirche St. Josef am Eibenweg in Kamperlings sowie die Kirche Christ-König am Concordienplatz im Kempener Norden. Doch die Zahl der Kirchenmitglieder schrumpft, Gottesdienstbesucher werden weniger, Kirchensteuereinnahmen werden deutlich zurückgehen. Vor diesem Hintergrund hat der Kirchenvorstand nun eine Entscheidung getroffen: Künftig will man sich an einem Ort versammeln. Die Propsteikirche soll zum zentralen Gottesdienstort in Kempen werden. Dafür soll ihr Innenraum umgestaltet werden. Es war keine leichte Entscheidung, machte Propst Dr. Thomas Eicker in einem Pressegespräch deutlich. „Wir haben hier in Kempen drei hoch wertvolle, geistliche katholische Orte“, betont Eicker. Mit der Entscheidung ist klar: Zwei Kirchen werden auf Dauer nicht mehr als solche genutzt.
Die Kirchweihe von St. Josef erfolgte 1990, die von Christ-König 1993. Die Planung der Gotteshäuser mit ihren Pfarrheimen, die ein aktives Gemeindeleben ermöglichen, wurde von engagierten Gläubigen begleitet – Menschen, die teils bis heute in den Gemeinden aktiv sind. Entsprechend schwer trifft sie diese Entscheidung.
Die Argumente für St. Marien liegen auf der Hand: Das rund 800 Jahre alte Denkmal ist historisches und geografisches Zentrum der Stadt. Dass man an diesem Ort viele Menschen erreicht, zeigt sich bereits während des knapp zweistündigen Pressegesprächs: Sobald die Türen geöffnet sind, kommen Besucher hinein, verweilen zu einem kurzen Gebet oder bewundern die Kunstschätze. Das Projekt Ostergarten erreichte in rund vier Wochen mehr als 3.500 Menschen. Ein wesentlicher Faktor für diesen Erfolg ist – darin ist sich das Organisationsteam sicher – auch die zentrale Lage.
Hinzu kommt: Andere Nutzungen für dieses Gebäude sind schwer vorstellbar. „Die Idee eines Museums funktioniert nicht. Ein solches haben wir schon“, sagt Thomas Eicker mit Blick auf die Paterskirche, die von der Stadt als Sakralmuseum betrieben wird. Auch ein Museum müsste unterhalten und instandgehalten werden, Eintrittsgelder wären sicherlich kaum ertragreich.
Der jetzigen Entscheidung ist ein zweijähriger Prozess im Projekt „Kirche für Kempen“ vorausgegangen. In Gesprächen und einer Zukunftswerkstatt wurden acht Handlungsfelder erarbeitet, von denen die ersten drei nun schrittweise umgesetzt werden. Seit Ende 2025 entwickelt eine Arbeitsgruppe Ideen für St. Marien. Auch von der Gruppe „Mobile Kirche“ gab es Impulse und Angebote, darunter das Projekt „DaSein“. In einer sogenannten Ritualagentur geht es darum, Menschen in wichtigen Lebensmomenten zu begleiten. Eine Gruppe entwickelt hierzu Ideen.
Alle Gruppen sollen sich zu Hause fühlen
Im Februar fand eine Gemeindeversammlung statt, in der erste Vorschläge zur Umgestaltung von St. Marien vorgestellt wurden. So könnte das Taufbecken ins Mittelschiff rücken. Die Turmkapellen ließen sich durch Glaswände abtrennen und separat nutzen. Auch ein Café-Treff ist denkbar. Für intensive Diskussionen sorgte der Vorschlag, die bisherigen Kirchenbänke durch kleinere, flexibler einsetzbare Bänke zu ersetzen.
Menschen rund um St. Marien sorgen sich, dass die Kirche ihren Charakter verändern könnte. Das wird von den Verantwortlichen nicht bestritten. „Alle müssen sich bewegen“, so Helmut Nienhaus von der Projektgruppe „Kirche für Kempen“. Auch St. Marien wird sich verändern müssen, um allen Gruppen eine Heimat bieten zu können.
Neu ist diese Entwicklung allerdings nicht. Solche Veränderungen habe es in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gegeben, erklärt Hans-Jürgen Beulertz vom Kirchenvorstand. Schmunzelnd erinnert er daran, dass Kirchenaustritte drohten, als St. Marien Ende der 1980er Jahre ihre heutige Farbe erhielt. „Die Gemeinde hat immer wieder versucht, die Kirche an die Erfordernisse der Zeit anzupassen, ohne sie komplett umzukrempeln“, so Beulertz. Genau diese Aufgabe steht nun erneut bevor.
Das Architekturbüro Dewey + Blohm-Schröder erstellt derzeit eine Machbarkeitsstudie für die Innenraumgestaltung von St. Marien. Diese soll zunächst dem Kirchenvorstand und später der Gemeinde vorgestellt werden. Parallel dazu werden bereits die Bedarfe der Gruppen und weiterer Aktivitäten erfasst, um möglichst allen ein passendes Umfeld bieten zu können. Niemand soll auf der Strecke bleiben.
Parallel ist geplant, das ebenfalls denkmalgeschützte Pfarrzentrum Burse zu einem modernen, barrierefreien Pfarrheim umzubauen. Die Innensanierung gilt als unproblematisch, da sich der Denkmalschutz vor allem auf die Außenmauern bezieht. Die Burse bietet kleinere und größere Räumlichkeiten. Einen großen Saal wie die Pfarrheime in St. Josef oder Christ-König aber nicht, der größte wird höchstens 80 Personen aufnehmen können. Kreativität wird also gefragt sein. Warum nicht einmal einen Gemeinde-Brunch in der Kirche veranstalten, gibt Thomas Eicker einen Denkanstoß.
Suche nach Investoren beginnt
Für Kirchen und Pfarrheime von St. Josef und Christ-König sollen künftig Träger oder Investoren gefunden werden, die die Immobilien für eigene Projekte nutzen. Wie dies konkret aussehen kann, ist derzeit noch offen. Man habe sich auf den Weg gemacht, doch nicht alle Prozesse ließen sich gleichzeitig umsetzen. Fest steht jedoch, dass die laufenden Kosten langfristig anderweitig getragen werden müssen – ob durch Vermietung oder Verkauf, das ist noch nicht entschieden. „Angemessen“ soll die Nutzung sein, so Pfarrer Eicker. In Gesprächen mit Aktiven rund um St. Josef und Christ-König soll ein Austausch über mögliche nächste Schritte erfolgen. Mitwirkende sind dabei ausdrücklich willkommen.
Die Zeitschiene bleibt offen. Doch die dynamische Entwicklung macht ein Handeln notwendig. „Wir haben keinen festen Zeitplan. Aber wir müssen anfangen“, sagt Helmut Nienhaus.
Hintergründe
Die Zahl der Gottesdienstbesucher in ganz Kempen hat sich von 2.400 pro Woche im Jahr 2000 auf aktuell 200 bis 300 pro Woche reduziert. Und auch die Zahl der Priester und Laien, die Gottesdienste leiten, wird immer geringer. Dadurch wird es immer schwieriger, eine Vielzahl von Gottesdiensten anbieten zu können.
Parallel dazu verschärft sich durch den demographischen Wandel und durch Kirchenaustritte die finanzielle Situation der Kirchen. Das Bistum Aachen geht laut Geschäftsbericht 2024 von einer Halbierung der Finanzkraft der Kirchen in Deutschland in den kommenden zwei Jahrzehnten aus.
Die Situation vor Ort: Mariä Geburt ist im Pastoralen Raum Kempen/Tönisvorst die einzige Gemeinde, die drei Kirchen vorhält. Die Unterhaltskosten für diese drei Standorte haben – unter anderem durch Änderungen bei den Zuschüssen aus dem Bistum – eine Größenordnung erreicht, dass sie mittelfristig nicht mehr tragbar sind.

