Ausflüge, Vorträge, Radtouren – und demnächst Street Art: Der Kempener Geschichts- und Museumsverein beschäftigt sich seit 137 Jahren mit der Vergangenheit. Verstaubt ist er deshalb noch lange nicht. Der Vorstand möchte auch jüngere Menschen gewinnen und lädt für den 1. Oktober zum Reinschnuppern ein.
Wer einen passenden Ort für ein Gespräch über Geschichte sucht, könnte es in Kempen kaum besser treffen. Der Rokokosaal im Kulturforum Franziskanerkloster ist so etwas wie die gute Stube des Kempener Geschichts- und Museumsvereins (KGMV). Prächtig, altehrwürdig, ein Raum, in dem der Geist vergangener Jahrhunderte beinahe greifbar scheint. Hier finden Vorträge statt, hier wird Kultur vermittelt – und zwischendurch wird auch geheiratet.
Das passt zu einem Verein, der sich seit 137 Jahren mit Geschichte beschäftigt und dabei selbst längst ein Teil der Kempener Geschichte geworden ist. Wer der Vorsitzenden Dr. Ina Germes-Dohmen und ihrer Stellvertreterin Dr. Elisabeth Friese zuhört, merkt schnell: Vergangenheit ist für die beiden nichts, das man fein säuberlich in einer Vitrine ablegt. Es geht ums Entdecken.
Fast 400 Mitglieder zählt der Verein seit Jahren. Andere Geschichts- und Kunstvereine seien durchaus überrascht, erzählt Ina Germes-Dohmen, dass ein Verein in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Kempen auf solche Zahlen kommt.
Mit Vorwissen zum Ausflug
Gerne möchte der Vorstand auch mehr jüngere Menschen für den Verein begeistern. Dass Fahrten traditionell samstags stattfinden, ist kein Zufall. „Das machen wir im Grunde seit mehr als 135 Jahren so“, erzählt Germes-Dohmen. Dahinter stand von Anfang an die Idee, auch Berufstätigen die Teilnahme zu ermöglichen. Das Programm ist umfangreich. Vorträge gehören ebenso dazu wie Museums- und Ausstellungsfahrten, Führungen in Kempen und Umgebung oder die inzwischen etablierte Sommerradtour. Eine Besonderheit ist die Kombination aus Vortrag und Exkursion. Wer beispielsweise eine Ausstellung besucht, kann sich zuvor bei einem Vortrag mit Künstler, Epoche oder historischem Hintergrund beschäftigen. „Uns ist wichtig, dass man schon mit einem gewissen Vorwissen hineingeht“, sagt Elisabeth Friese. Und das Angebot wird sehr gut angenommen. 40 bis 50 Zuhörerinnen und Zuhörer an einem Sonntagvormittag sind keine Seltenheit – selbst an einem schönen Sommertag. Beginn ist übrigens traditionell um 11.15 Uhr. Auch diese etwas ungewöhnliche Uhrzeit hat Geschichte. Sie stammt noch aus einer Zeit, als Besucher nach dem Hochamt in St. Marien hinüber zum Vortrag kommen konnten. Die Welt hat sich verändert, die Viertelstunde ist geblieben. Vielleicht ist genau das typisch für den Verein: Tradition bewahren, ohne bei ihr stehenzubleiben.
Zumal der Geschichts- und Museumsverein mit seinem kulturhistorischen Programm inzwischen eine besondere Rolle in Kempen einnimmt. Klassische kunst- und kulturhistorische Vortragsreihen mit anschließenden Exkursionen sind andernorts seltener geworden. „Damit sind wir für Menschen, die sich für solche Themen interessieren, eine wichtige Anlaufstelle“, sagt Ina Germes-Dohmen.
Manchmal liegt das Unbekannte gleich nebenan
Dabei muss es nicht immer Köln, Düsseldorf oder ein großes Museum sein. Vor der Haustür gibt es auch viel zu entdecken. Das zeigte eine Fahrt nach Moers. Mancher Teilnehmer stellte erstaunt fest, wie wenig er über die Nachbarstadt wusste. „Da sagen die Leute anschließend: Meine Güte, warum wissen wir eigentlich nicht, was da direkt um die Ecke liegt?“, erzählt Ina Germes-Dohmen.
Ähnlich funktionieren Angebote in Kempen selbst. Führungen durch die Propsteikirche St. Marien zu ausgewählten Themen gehörten schon dazu, ebenso ein Besuch des jüdischen Friedhofs. Auch ein Spaziergang durch den Kempener Süden zu den Frauen, nach denen dort Straßen benannt sind, lockte rund 35 Interessierte an. Eigentlich gebe es dort gar nicht viel „zu sehen“, sagt Germes-Dohmen. Dafür aber jede Menge zu erzählen. Genau darum geht es: den Blick zu verändern. Orte, an denen man hundertmal vorbeigefahren ist, plötzlich mit anderen Augen zu sehen.
Wie oft liest man von einer interessanten Ausstellung und denkt: Da müsste ich eigentlich mal hin. Und dann schafft man es doch nicht. Bei einer Vereinsfahrt steht der Termin dagegen im Kalender, die Karte ist gekauft, der Platz im Bus reserviert. Dass die Organisation so bequem funktioniert, liegt auch an der Zusammenarbeit mit Schreibwaren Beckers, wo die Teilnehmer sogar ihren Sitzplatz im Bus auswählen können.
Überhaupt steckt hinter all den Fahrten, Vorträgen und Führungen erstaunlich viel Arbeit. Der Verein wird vollständig ehrenamtlich geführt. Programmplanung, Kontakte zu Referenten und Künstlern, Organisation und Betreuung – all das läuft über das Vorstandsteam. Gerade dadurch können die Angebote vergleichsweise günstig bleiben.
Der Jahresbeitrag liegt bei 20 Euro. Mitglieder besuchen die Vorträge kostenlos und zahlen bei Fahrten weniger. Wer regelmäßig mitfährt, hat seinen Beitrag schnell wieder heraus.
Von Monet bis Street Art
Doch wie begeistert man Menschen für einen Geschichtsverein, die bisher noch keinen Kontakt zu ihm haben? Das ist die Frage, die den Vorstand beschäftigt. Über persönliche Empfehlungen funktioniert es durchaus. Mitglieder bringen Freunde zu Fahrten mit, einige davon treten später ein. Schwieriger ist es, Menschen außerhalb dieses Kreises zu erreichen.
Deshalb soll sich auch das Programm weiter öffnen. Ein Beispiel ist Street Art. Für den 13. Dezember (siehe Info-Kasten S. 15) ist ein Vortrag zu diesem Thema geplant, für das kommende Jahr denkt der Verein bereits weiter: Eine Street-Art-Führung in Düsseldorf ist im Gespräch – ebenso ein Workshop für junge Menschen in Kempen.
Denn der Auftrag des Vereins ist seit seiner Gründung konstant geblieben: Menschen für Geschichte, Kultur und Kunst zu interessieren. Die Themen dürfen sich dabei durchaus verändern. „Mit Monet oder Cézanne holt man heute nicht unbedingt jeden 18-Jährigen ab“, sagt Germes-Dohmen. Interesse an Kunst und Geschichte entwickle sich bei vielen erst später.
Trotzdem versucht der Verein seit Jahren, junge Menschen einzubeziehen. Besonders wichtig ist dabei die Erinnerungsarbeit rund um Nationalsozialismus und Holocaust. Ausstellungen wurden mitfinanziert, Schulen beteiligt, Zeitzeugen eingeladen und Jugendliche gestalten Gedenkveranstaltungen mit.
Unterstützung für neue Museums-App und mehr
Gegründet wurde der heutige Kempener Geschichts- und Museumsverein am 3. Dezember 1889 als „Kunst- und Altertumsverein“. Der Name änderte sich mehrfach, der Kern erstaunlich wenig. Bereits die erste Satzung sah Vorträge und Führungen vor, um den Menschen Geschichte und Kultur ihrer Heimat näherzubringen. Heute geht es um die Geschichte des Niederrheins, Kunst und Kultur, natürlich um Kempen und Thomas a Kempis. Auch der Schutz des historischen Stadtbildes und der Denkmäler gehört zum Selbstverständnis.
Und der Verein redet nicht nur darüber. Er unterstützt das Städtische Kramer-Museum, das Museum für Niederrheinische Sakralkunst und das Stadtarchiv auch finanziell. Jüngst zum Beispiel für die Entwicklung einer neuen Museums-App. Diese bietet drei unterschiedliche Touren, die Besuchende durch die Kempener Museen begleiten und spannende Einblicke aus verschiedenen Perspektiven ermöglichen. Geführt werden sie dabei von drei virtuellen „Expertinnen und Experten“, nämlich der Museumsfledermaus, einer Dame aus feinem Hause oder einem Franziskanermönch. In den vergangenen Jahren wurden zudem beispielsweise Aufbewahrungssysteme für Kempener Urkunden, der Ankauf eines Gemäldes von Fritz Wingen und eines Code Civil von 1812 sowie die Restaurierung wiederentdeckter Altarfiguren der Propsteikirche unterstützt. Die Beiträge der Mitglieder fließen damit ein Stück weit zurück in das kulturelle Gedächtnis der Stadt.
Vielleicht erklärt auch das, warum der Verein seit mehr als 135 Jahren funktioniert: Sein Thema kann gar nicht fertig werden. Geschichte wächst schließlich jeden Tag weiter.
Einfach mal reinschnuppern
Wer herausfinden möchte, ob der Kempener Geschichts- und Museumsverein vielleicht etwas für die eigenen Interesssen bietet, bekommt dazu im Herbst Gelegenheit. Am Donnerstag, 1. Oktober, von 18.30 bis 20 Uhr lädt der KGMV zu einem Schnupperabend ein. Natürlich findet er dort statt, wo dieses Gespräch begonnen hat: im Rokokosaal. Ina Germes-Dohmen wird erzählen, was der Verein macht, welche Veranstaltungen er anbietet und warum sein Motto „Geschichte erleben“ auch nach 135 Jahren noch ziemlich gut funktioniert. Danach geht es zum Get-together mit einem Glas Wein in den Kreuzgang.

