Kempen trauert um seinen Ehrenbürger

Karl-Heinz Hermans war eine Institution. Er verband Menschen, war ein Brückenbauer. Ein Nachruf für einen ganz besonderen Kempener, der seine Heimatstadt liebte und vielfältig prägte.  

Wenn in einem Beerdigungsgottesdienst die Klänge von „O wat en Freud“, „Wenn et Trömmelche jeht“ und „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ auf der Orgel und teils auch von zahlreichen Stimmen erklingen, dann kann man davon ausgehen, dass ein reiches und erfülltes Leben zu Ende gegangen ist. So kann man es für Karl-Heinz Hermans annehmen. Und so hat er es wohl auch selbst gesehen. Am Tag vor seinem Tod, so erzählt es Propst Dr. Thomas Eicker, kamen sie noch zusammen, erzählten, beteten und er sagte: „Ich bin bereit.“ Mit diesem Wort der Bereitschaft könne man Hermans‘ Lebensweg überschreiben, machte Propst Eicker deutlich. Er war stets bereit, sich in das gesellschaftliche und gesellige Leben der Stadt einzubringen. Er war bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Der Ehrenbürger der Stadt Kempen ist am 10. November im Alter von 96 Jahren gestorben. Er vollendete sein Leben an dem Tag, an dem der große St. Martinszug durch die Stadt zieht. Das Fest, das er so sehr liebte und prägte. Sein letztes Geleit von der Kirche zum Friedhof an der Berliner Allee – begleitet von vielen Fahnen Kempener Vereine, von St. Martin und seinen Herolden, vom Trommler- und Pfeiferkorps Schmalbroich – war fast wie ein kleiner Martinszug und ein beeindruckendes Zeugnis seines Wirkens, das so viele Menschen in der Stadt und darüber hinaus bewegt hat.  

Erinnern an die Geschichte

Es war eine beeindruckende Abschiedsfeier, die so viel aus dem Leben von Karl-Heinz Hermans beinhaltete. Er war eine Institution, das Gedächtnis und das Gewissen der Stadt Kempen. Er war eine sichere Anlaufstelle, bei der man Antworten erhielt auf Fragen rund um die Stadt, für Historiker, Archivare, Journalisten und interessierte Mitmenschen. Wer ihn noch in seinem Haus besuchte, wurde in das Eckzimmer mit Blick auf die Ellenstraße geführt. Dort stand die Ratskanne, hing die Ehrenbürgerurkunde an der Wand. Und meist standen auf dem Tisch Plätzchen, die der gelernte Bäckermeister selbst gezaubert hatte. 

Seine Kindheitserinnerungen waren für viele Menschen interessant, stammten sie doch aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte und berichteten von der Verfolgung jüdischer Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus ebenso wie vom Bombenangriff der Amerikaner, der seine Ellenstraße und die Propsteikirche teilweise zerstörte. Am 3. März zogen die Amerikaner dann in Kempen ein. „Für uns war es der Tag der Befreiung“, erinnerte sich Hermans. In seinem Buch „Selbst erlebt“ hatte er seine Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Geschrieben hat er zunächst per Hand und dann mit der Reiseschreibmaschine abgetippt.

Ein Ereignis bewog ihn damals, seine ganz persönlichen Erinnerungen festzuhalten. Im Mai 2019 wurden an der Ecke Arnold-Janssen-Straße/Heilig-Geist-Straße sowie auf der Ellenstraße elf Stolpersteine für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verlegt: für die Schwestern Emma, Magdalene, Johanna und Karoline Ajakobi sowie die Familien Winter und Rath, die der junge Karl-Heinz Hermans als Nachbarn gut gekannt hatte. Bei dieser Zeremonie habe er gemerkt, dass die jungen Leute noch an der Geschichte interessiert seien, berichtete er später. In seinen Erinnerungen beschönigte er nichts. „So etwas darf nie wieder passieren“, sagte Hermans entschieden. Und das sagte er auch noch kurz vor seinem Tod, wie der evangelische Pfarrer Roland Kühne in der Trauerfeier für Karl-Heinz Hermans deutlich machte. „Er wollte sich auch mit 96 Jahren nicht damit abfinden, dass wieder ein Hass auf unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger entsteht“, schilderte Kühne. „Dagegen müssen wir uns einsetzen“, habe Hermans gesagt. Als Hinweis darauf wurde ein Psalm gebetet, der an die jüdische Tradition im christlichen Glauben erinnert. 

Die Menschen im Mittelpunkt

Sein Humor und sein Lachen sind unvergessen. In seinen Jugendtagen war er stets zu einem Streich bereit. Einen schilderte er selbst in seinem Buch, nämlich wie er mit anderen Burschen mit Kalkeimer und Wittquast loszog und das Denkmal des Bauernpräsidenten Felix von Loe weiß tünchte. Die Übeltäter waren schnell ausgemacht, denn der Kalkeimer hatte ein Loch. Das Urteil fiel milde aus, da sich die Jungs fix um die Reinigung kümmerten. Als stellvertretender Bürgermeister gab Hermans die Geschichte beim Festakt zum 125-jährigen Bestehen des Rheinischen Bauernverbandes zum Besten – verbunden mit einer Entschuldigung und dem Versprechen: „Ich tue es nie wieder.“

Als Bürgermeister und später als Ehrenbürger bemühte sich Karl-Heinz Hermans um das „Wir-Gefühl“ in der Stadt Kempen, das aber nie ausschloss, sondern immer alle mitnahm. Alt-Kempener, St. Huberter und Tönisberger, Alteingesessene und Neubürger hatte er zugleich im Blick. Das Menschliche stand bei ihm immer im Zentrum. Durch Spenden, zu denen er zu seinen Geburtstagen aufgerufen hatte, sind die historische Pumpe auf der Ellenstraße, das Martins-Denkmal und ein Stadtmodell am Buttermarkt, zudem die Pflanzung zahlreicher neuer Bäume ermöglicht worden. 

Bäckerei Hermans – für viele unvergessen

Für viele Kempenerinnen und Kempener ist der Name Hermans aber bis heute eng mit dem Geschmack von leckeren Brötchen und dem herrlichen Duft von Püfferkes verbunden. Karl-Heinz Hermans war nicht nur Bäckermeister, sondern auch Lehrlingswart der Bäckerinnung und Kreislehrlingswart der Kreishanderwerkerschaft. „Ich habe meinen Beruf immer geliebt, auch wenn man nicht die angenehmsten Arbeitszeiten hat“, erinnerte er sich. Er habe ein Handwerk ausgeübt, bei dem die frischen Brötchen, die er nachts hergestellt habe für viele Leute der Anfang des Tages waren. Er freute sich, wenn er auf der Straße hörte, dass jemand sagte: „Guck mal. Da war die Bäckerei Hermans. Da haben wir früher immer den Streuselkuchen gekauft.“ Über die vielen schönen Erinnerungen an die Zeit, von denen man nun in unzähligen Kommentaren in Sozialen Medien lesen kann, hätte er sich sicher gefreut.

Bis ins hohe Alter war das Backen seine Leidenschaft. Damit erfreute er nicht nur seine Gäste, sondern besonders auch seine Familie. Karl-Heinz und Resi Hermans hatten zwei Kinder, Stefanie und Heiner, es kamen Schwiegerkinder, drei Enkel und mittlerweile auch zwei Urenkel dazu. In der Trauerfeier berichteten zwei seiner Enkel von ihren Erinnerungen. Ein Highlight waren Opas Püfferkes zu St. Martin. Zum Leidwesen von Oma Resi, die immer hinter ihrem Karl-Heinz aufräumen musste. „Opa und Kempen – das gehörte untrennbar zusammen“, so die Enkel. Wenn sie Kempener Neuigkeiten aus den Sozialen Medien kundtun wollten, wusste ihr Opa schon längst Bescheid. Er blieb immer auf dem Laufenden. Alljährlich schrieb er einen Jahresrückblick auf einer alten Olympia-Schreibmaschine. Was Google und Twitter waren, wusste er aber ebenso genau. Er verfolgte, was die kleine und große Welt bewegte. 

Bis zuletzt kritisch und scharfsinnig

Schon früher war er in die Kommunalpolitik eingestiegen. Im Zuge der Planungen zur Altstadtsanierung sahen es viele Einzelhändler kritisch, dass die Autos aus der Altstadt verbannt werden sollten. Man fürchtete Kunden zu verlieren. So kam Hermans zu dem Entschluss, dass er selbst mitgestalten möchte. Auch wenn er später durchaus überzeugt war, dass die Fußgängerzone die richtige Entwicklung war, wie er in einem Interview schmunzelnd bemerkte. Von 1979 bis 2009 saß Hermans für die CDU im Stadtrat. Von 1989 bis 1999 stand er gemeinsam mit Stadtdirektor Karl Hensel als Bürgermeister an der Spitze der Stadt. Hermans und Hensel waren ein eingespieltes Team. 

Bis zuletzt hatte Karl-Heinz Hermans von seinem Scharfsinn, seiner Schlagfertigkeit und seinem Humor nicht das kleinste Stück verloren. Davon konnten sich die Kempener an Karneval 2019 überzeugen, als der ehemalige „Prinz Karneval“ beim traditionellen Rathaussturm verkleidet als Erzbischof Siegfried von Westerburg am Rathausfenster den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung die Leviten las. Oder 2020, im Corona-Jahr, als der Martinszug wegen der Pandemie ausfallen musste und er den Menschen in einer bewegenden Ansprache in einer Online-Andacht Mut machte. Kurz nach seinem 95. Geburtstag, da wohnte er bereits im von-Broichhausen-Stift, wurde er per Videoübertragung zur Versammlung des St.-Martin-Vereins geschaltet, der Verein, den er 20 Jahre lang als Vorsitzender geführt hatte. In launigen Worten sendete er seine Grüße an die Runde der Sammlerinnen und Sammler. 

Nach seinem Tod fehle in der Stadt so viel, schilderte Bürgermeister Christoph Dellmans in seiner Ansprache. So viele kleine Handgriffe, mit denen Karl-Heinz Hermans seine Stadt gepflegt hat, die spontane Ansprache in Reinform, Worte, die Feste zusammenhielten, die Menschen verbanden. „Er war einer der zuhörte und Menschen an einen Tisch brachte“, so Dellmans. Es fehlt seine Pflege von Brauchtum und Mundart, sein Wissen der Geschichte, der Duft von Püfferkes und Spekulatius und so vieles mehr. „Wenn so viel fehlt, was bleibt uns dann?“, fragte der Bürgermeister und gab gleich die Antwort: Es bleibt die Aufgabe. Karl-Heinz Hermans hat uns sein Lebenswerk anvertraut. Daher sei es nun an uns, die Aufgaben zu meistern. Nun ist es an uns, gemeinsam in der Stadt füreinander da zu sein.