Fliegende Steine und Baumstämme gehören in der Thomasstadt zum Mai einfach dazu: Zum 23. Mal lädt der Verein „Highlander vom Niederrhein“ die Szene aus aller Welt zum Wettkampf ein. Ein echter Hingucker fürs Publikum. Der Vorsitzende Kevin Waller erzählt, was dahintersteckt.
Ulrike Gerards
Wenn sich am 9. und 10. Mai wieder Athletinnen und Athleten im Schatten der Burg versammeln, fliegen Gewichte durch die Luft, Steine werden gestoßen und Zuschauer erleben ein Spektakel, das längst weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt: die Highland Games in Kempen. Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren – koordiniert von einem Verein, der sich mit Herzblut dem schottischen Traditionssport verschrieben hat.
Schon Tage vor dem eigentlichen Event beginnt für die „Highlander vom Niederrhein“ die heiße Phase. Donnerstags wird Material verladen, freitags entsteht auf der Wiese rund um die Burg die komplette Wettkampfarena. Am Wochenende selbst folgen die Wettkämpfe – und direkt danach der Abbau.
Teilnehmerrekord und internationale Konkurrenz
„Nach so einem Wochenende ist man schon echt gerädert“, sagt Vereinsvorsitzender Kevin Waller. Rund 25 bis 30 Helfer aus dem Verein stemmen die Veranstaltung, darunter auch ehemalige Aktive. Einer von ihnen ist Gründer Manfred „Mammut“ Mühlenhaus, der den Verein 2003 ins Leben rief und bis heute als wichtiger Ansprechpartner im Hintergrund fungiert. Die Kempener Highland Games waren bei ihrem Start in der Entwicklung in Deutschland vorne mit dabei.
Seit Anfang den 90er Jahren findet das Thema Highland Games verstärkt Anklang auch hierzulande. Seither wächst die Begeisterung und immer wieder kommen neue Events hinzu. Im Mittelpunkt stehen dabei die unterschiedlichsten Wettkämpfe. Neben dem sportlichen Kräftemessen gibt es bei klassischen Highland Games auch Dudelsack- und Tanzwettbewerbe. Im Deutschen Rasenkraftsport- und Tauziehverband (DRTV) ist das sportliche Geschehen bei den Team- und Heavy-Wettkämpfen organisiert.
Die Heavy Events sind das Leistungssportsegment der Highland Games und ihre fünf Disziplinen gehören zu den wohl ältesten Sportarten der Welt. Hier gibt es verschiedenen Alters-, Gewichts- und Leistungsklassen. Bei den Herren gibt es Qualifikationsnormen, um an Wettkämpfen der B-Heavy oder der obersten Klasse, der A-Heavy, teilnehmen zu können. „Im Zuge der sehr positiven Entwicklung der weiblichen Aktiven gibt es optional seit 2019 auch bei den Damen diese Unterteilung“, heißt es beim Verband. Schüler-, Jugend- und Junioren sowie diverse weitere Mastersklassen ab 40 aufwärts finden sich ebenfalls im Wettkampfangebot. Besonders bei den Mastersklassen sind Deutsche Sportlerinnen und Sportler auch international sehr stark vertreten.
Die Lightweightklasse geht bei Damen und Herren bis dorthin, wo man in den meisten anderen Sportarten wohl als Schwergewichtler gelten dürfte. 70,3 Kilomgramm bei den Damen und 90,7 Kilogramm bei den Herren sind das Maximalgewicht.
Die Zahlen des Kempener Events sprechen für sich: 23 Teams treten in diesem Jahr an – mehr sind aus logistischen und sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich. Hinzu kommen 63 Einzelathleten. Besonders bemerkenswert: Auch international ist das Interesse groß. Teilnehmer aus Schottland, Frankreich und den Niederlanden reisen an.
Kempen ist damit längst ein fester Bestandteil der Szene. Nordrhein-Westfalen gilt ohnehin als Hochburg der Highland Games in Deutschland, mit rund 40 Veranstaltungen jährlich.
Von der zufälligen Begegnung zur Leidenschaft
Kevin Waller, 35 Jahre alt und hauptberuflich Altenpfleger, ist heute das Gesicht des Vereins. Doch sein Einstieg in den Sport war eher zufällig: Vor rund 14 Jahren wurde er in einer Kempener Kneipe von Gründer Mühlenhaus angesprochen, ob er nicht einmal mittrainieren wolle. Was folgte, war eine wachsende Begeisterung – für den Sport und für die Kultur dahinter. Zuvor hatten es ihm eher die Wikinger angetan. „Ich weiß noch, wie ich meinen ersten Kilt angezogen habe und zuhause ‚Braveheart‘ geschaut habe“, erinnert sich Waller schmunzelnd.
Heute blickt er auf eine beeindruckende sportliche Bilanz: 16 Wettkämpfe im vergangenen Jahr. Zudem verbucht er bereits internationale Starts in den Niederlanden, Frankreich, Kanada und auch bereits Schottland. Seine Lieblingsdisziplin: der Gewichtsweitwurf. In der Bestenliste Highlandgames 2025 des Verbandes DRTV landete er auf Platz 17 der Open Heavys.
Verein im Wandel – und offen für Neues
Der Verein „Highlander vom Niederrhein“ zählt aktuell rund 50 Mitglieder, davon etwa 10 bis 15 aktive Wettkämpfer. Das waren einmal mehr. Die Corona-Pandemie und veränderte Lebensumstände haben Spuren hinterlassen.
Dennoch bleibt der Verein offen für neue Mitglieder. Interessierte können zunächst unverbindlich mittrainieren und den Sport kennenlernen. Erst nach einer Probezeit wird entschieden, ob es für beide Seiten passt – auch mit Blick auf die intensive Mitarbeit bei den Games.
Kevin Waller lädt dazu ein, den Sport einfach mal auszuprobieren. Berührungsängste braucht man nicht zu haben. Jugendliche ab 12 Jahren können einsteigen. Es gehe auch schon in leichteren Gewichtsklassen los. Vor allem sei es wichtig, die Techniken zu lernen. „Das macht schon mal 60 bis 70 Prozent aus“, so der erfahrene Sportler.
Sogar für Kindergärten wurden schon eigene kleine Highland Games organisiert, in denen sich die Kleinen einmal ausprobieren konnten. „Wir sind da ganz offen, unsere Trainingswiese auch mal für Abschlussveranstaltungen zum Beispiel anzubieten“, lädt Kevin Waller ein.
Tradition trifft Atmosphäre
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Kempener Highland Games ist die besondere Kulisse. Die Verbindung aus Wettkämpfen im Schatten der Kempener Burg, Mittelaltermarkt und Altstadtfest sorgt für ein einzigartiges Ambiente. „Das Umfeld rund um die Burg ist einfach zu schön, um wegzugehen“, sagt Waller. Trotz begrenztem Platz bleibt die Nachfrage enorm: Startplätze sind oft innerhalb von Minuten vergeben, Wartelisten die Regel. Allerdings sorgt das begrenzte Platzangebot auch dafür, dass „nur“ B-Heavys, Damen, Masters Damen und Herren Ü40 und Ü50 starten. Für Top-Athleten der Leistungsklasse A-Heavy wäre der Platz zu klein. Darum ist auch Kevin Waller selbst bei den heimischen Spielen nicht am Start. Das sei aber auch noch schlimm. Er hat eh an diesem Wochenende viele andere Dinge im Kopf.
„Das Schönste ist einfach, dass man bei den Spielen alle Leute, die man ja teils schon seit Jahren kennt, wiedersieht. In Kempen ist quasi der Start in die Saison“, so Kevin Waller. Wenn dann also am Samstag, 9. Mai, die Athletinnen und Athleten durch das Kuhtor in die Altstadt einziehen und die Spiele auf der Bühne auf dem Buttermarkt eröffnet werden, ist das für viele ein tolles Wiedersehen.
Große Veränderungen sind nicht geplant – nach dem Motto: „Never change a running system“. Kleinere Anpassungen wird es weiterhin geben, doch das Grundkonzept bleibt bestehen.
Ein besonderes Ziel wirft bereits seine Schatten voraus: 2028 feiert der Verein sein 25-jähriges Jubiläum. Erste Ideen für größere Feierlichkeiten sind bereits vorhanden, werden zurzeit aber noch ausgearbeitet.
Für Kevin Waller persönlich geht die Reise ebenfalls weiter: mehr Wettkämpfe in Schottland, vielleicht sogar in Amerika, das ist sein Plan. Der sportliche Ehrgeiz ist ungebrochen.
Das sind die Disziplinen
Scottish Hammerthrow (Hammerwerfen)
Der Hammer besteht aus einer Eisenkugel und einem Rattanstiel oder Kunststoff-Rohr. Die Männer werfen einen leichten Hammer mit 7,25 kg und einen schweren Hammer von 10 kg, die Frauen werfen 5,4 bzw. 7,25 kg. Es wird aus dem Stand geworfen. Hilfsmittel für einen sicheren Stand, wie spezielle Schuhe, sind im Regelwerk erlaubt.
Weight for Distance (Gewichtwerfen)
Das Wurfgerät besteht aus einer Eisenkugel, Kette und Handgriff, bei Männern 12,7 kg und 25,4 kg schwer, bei Frauen 6,35 kg und 12,7 kg. Ziel dieser Disziplin ist es, das Gewicht aus dem Abwurfbereich so weit wie möglich zu werfen. Der Athlet darf den Begrenzungsbalken der Abwurfzone nicht übertreten. Hier kommt eine Drehwurftechnik zum Einsatz, die dem Diskuswerfen ähnelt.
Putting the Stone (Steinstoßen)
Das Mindestgewicht liegt bei den Herren bei 7,25 kg und bei den Damen bei 3,6 kg. Die Verwendung eines unregelmäßigen Steins, ist eine zusätzliche Herausforderung. Die Technik ist ähnlich wie beim Kugelstoßen: Der Athlet hält den Stein in der Hand und drückt ihn mit einer explosiven Bewegung von der Schulter nach vorne. Dabei kommt es besonders auf die Koordination von Bein-, Hüft- und Oberkörperbewegung an.
Weight over Bar (Gewichthochwerfen)
Das Wurfgerät besteht aus Metall und hat in der Regel einen runden Griff. Das Gewicht muss mit einer Hand über eine Messlatte geworfen werden. Der Athlet schwingt das Gewicht mit einer Hand zwischen den Beinen, um es anschließend mit Schwung nach oben über die vorgegebene Höhe zu werfen. Die Einstiegshöhe liegt in der Regel bei 3,60 m bei den Männern und bei 3 m bei den Frauen. Die Höhe wird bei jeder neuen Runde erhöht. Bei den A-Heavys werfen die Männer ein Gewicht von 25,4 kg und die Frauen ein Gewicht von 12,7 kg. Bei Openheavy- und Master-Wettkämpfen kommt ein 19-kg-Gewicht zum Einsatz.
Tossing the caber (Baumstammwerfen)
Die Stämme sind üblicherweise 5 bis 6 Meter lang und wiegen zwischen 30 und 80 kg. Der Werfer hält den Baumstamm zunächst mit beiden Händen senkrecht vor seinem Körper, hebt ihn an und nimmt Anlauf, um den Stamm beim Wurf zum Überschlag zu bringen. Dabei geht es nicht darum, den Baumstamm möglichst weit zu werfen, viel mehr kommt es darauf an, den Stamm in möglichst gerader Linie – auf 12 Uhr – zu werfen. Kippt der Stamm nach dem Auftreffen in Richtung des Werfers zurück, dann wird der Aufstellwinkel gemessen.
Team-Wettbewerb
Die Teamwettkämpfe setzen auf Breitensport, jeder und jede kann mitmachen. Teams starten mit vier bis sechs Sportlern. Die Wettkämpfe beinhaltet die Wurfdisziplinen der Heavy Events in vereinfachter Form, ergänzt durch läuferische Teamwettbewerbe und Geschicklichkeitsübungen. Teamwettbewerbe findet man aktuell nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz und es werden sogar nationale Meisterschaften ausgetragen. Die Highland Games Kempen sind 2026 Austragungsort der NRW-Meisterschaft der Teams nach den Regularien des Deutschen Highland Games Verband. Die Teams treten in Disziplinen wie Baumstammwerfen, Gewichtshochwurf und Steinstoßen gegeneinander an.
Die besten Highland-Games-Events 2026 im Überblick
Für Kempener steht fest: Die Highland Games vor der eigenen Haustür sind natürlich die besten. Doch auch in der Szene hat sich das Event längst einen Namen gemacht – als leistungsorientierter Wettkampfsport mit authentischer schottischer Atmosphäre, Kilts, Dudelsackklängen und einer starken Community. Die Teamwettbewerbe finden am Samstag, 9. Mai, von 11 bis 18 Uhr statt, die Einzelwettkämpfe am Sonntag, 10. Mai, von 9.30 bis 18 Uhr auf der Burgwiese an der Franziskanerstraße.
Erst zum zweiten Mal werden am 16. Mai ab 10.30 Uhr die Highland Games in Dormagen ausgetragen. Über 100 Athleten gehen bei den traditionellen schottischen Wettkämpfen an den Start.
Klein, aber fein präsentieren sich die Highland Games in Oekoven (Gemeinde Rommerskirchen, Rhein-Kreis Neuss) am Wochenende 6./7. Juni. Seit 2013 begeistert das Event mit seiner familiären Atmosphäre.
In der Nachbarschaft, nämlich in Krefeld, finden die 4. Uerdinger Highland Games am 13. und 14. Juni, 10.45 bis 18 Uhr im Uerdinger Stadtpark (Nikolaus-Groß-Straße 4) statt. Am Samstag stehen die Teamwettbewerbe im Mittelpunkt, am Sonntag werden die RTV NRW-Meisterschaften der Masters ausgetragen.
Am 20. und 21. Juni verwandelt sich der Stadtpark Goch (Karl-Baums-Weg) in eine schottische Erlebniswelt. Höhepunkt sind die internationalen Dudelsackmeisterschaften mit Pipe Bands und Solisten aus aller Welt. Ergänzt wird das Programm durch Highland Games und ein vielfältiges Rahmenangebot. Der Tageseintritt beträgt 12 Euro, es gibt Ermäßigungen. Weitere Infos: www.scotfest.de
Am 27. und 28. Juni werden im niedersächsischen Nordhorn die Grafschafter Highland Games mit den Deutschen Meisterschaften der A-Heavys ausgetragen. In der höchsten Leistungsklasse treten die besten Athleten Deutschlands gegeneinander an. Ein besonderes Highlight ist das angeschlossene Folk-Rock-Festival „Night of Kilts“ am Samstagabend. Mehr unter: grafschafter-highlandgames.de
Nicht gerade um die Ecke, aber ein echtes Highlight: Rund 500 Kilometer von Kempen entfernt finden vom 18. bis 20. September die 25. Internationalen Highland Games Trebsen statt, das größte schottische Event in Deutschland. Neben den Internationalen Pipe-Band-Competitions präsentieren sich zahlreiche Clans im Clan-Village, dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit Falknershow, Kinder-Highland-Games, Händlermeile und vielem mehr.

