„Das Thema Teilen muss in die Köpfe“

Elf Aktive haben den Verein eCARsharing Kempen gegründet. Auch wenn aktuell noch Fragen offen sind, ist man zuversichtlich, dass ein Pilotprojekt möglich ist. Zurzeit ist Aufklärungsarbeit angesagt.

Roger Buschfeld und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben eine Vision – und ein anschauliches Beispiel dafür: der Rasenmäher. „Wenn ich durch Reihenhaussiedlungen gehe, hat jeder einen eigenen Rasenmäher, auch wenn er vielleicht nur 100 Quadratmeter Rasen besitzt. Das könnte man intelligenter lösen.“ Die Lösung heißt Teilen – neudeutsch: „Sharing“.

Was für den Rasenmäher gilt, trifft ebenso auf das Auto zu. Einige Zahlen dazu sind bemerkenswert: Nach Angaben des Umweltbundesamtes stehen private Pkw in Deutschland im Durchschnitt rund 23 Stunden am Tag ungenutzt herum. Fast die Hälfte der Autos wird an einem durchschnittlichen Tag gar nicht bewegt, wie eine Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums aus dem Jahr 2025 zeigt. Es gibt also viele gute Argumente für das Teilen von Autos.

Im März fand mit elf künftigen Mitgliedern die Gründungsversammlung statt – aus der eCARsharing-Initiative wird ein Verein. Die Mitglieder beschäftigen sich seit mehr als einem Jahr mit den Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für eCarsharing in Kempen. Es wird recherchiert, diskutiert und zahlreiche Gespräche mit potenziellen Partnern geführt. Logoentwicklung, der Aufbau der Homepage www.ecarsharingkempen.de sowie der Druck von Aufklebern und Postkarten wurden aus privaten Mitteln finanziert. Den Vorstand bilden der erste Vorsitzende Roger Buschfeld, die zweite Vorsitzende Imma Schmidt sowie Ute Menning als Schatzmeisterin und Schriftführerin. Das Ziel ist klar: In Kempen und darüber hinaus in der Region soll sich ein eCarsharing-Angebot entwickeln können. Mit dem Referat für Umwelt und Klimaschutz der Stadt Kempen steht die Gruppe nach eigenen Angaben „in regelmäßigem, gutem Austausch“. 

So überzeugend die Argumente für Carsharing sind, so vielfältig sind die Fragen und Bedenken. Im Gespräch mit den Vorstandsmitgliedern wird deutlich: Sie kennen diese Einwände – und noch viele mehr. Zahlreiche ähnliche Projekte deutschlandweit wurden analysiert, um ein für Kempen passendes Modell zu entwickeln. Einige Grundparameter stehen bereits fest. So möchte der Verein das Carsharing nicht selbst betreiben, sondern einen kommerziellen Anbieter dafür gewinnen.

Steigende Kosten sprechen für E-Mobilität

Auch hier in Kempen stehen viele Autos ungenutzt herum. Die Akteure sind überzeugt, dass das eine oder andere Auto verzichtbar ist, wenn man sich bei Bedarf unkompliziert ein Fahrzeug ausleihen kann. Und auch für E-Mobilität gibt es gute Argumente. „Die aktuelle Entwicklung der kriegsbedingten Preissteigerungen bei Öl, Gas und Benzin spricht zusätzlich dafür, aus der Nutzung fossiler Brennstoffe auszusteigen“, erklärt Roger Buschfeld.

Zudem seien vielen die tatsächlichen Kosten eines eigenen Autos nicht bewusst. Der ADAC hat eine Übersicht zu den Kosten aktueller Neuwagen erstellt. Demnach liegen die monatlichen Vollkosten – inklusive Fixkosten, Werkstatt- und Betriebskosten sowie Abschreibung – selbst beim günstigsten Golf bei rund 53 Cent pro Kilometer, also etwa 660 Euro im Monat. Diese Berechnungen basieren auf Zahlen aus dem Winter 2025 – zu einem Zeitpunkt also, als die Spritpreise noch nicht so stark gestiegen waren. Wer selbst einmal die Kosten für ein spezielles Auto nachsehen möchte, findet alle Modelle und weitere Hintergrundinfos hier: www.adac.de/autokosten. Man könne auch eine eigenes Fahrtenbuch führen, um alle Kosten zu ermitteln, so die Vorstände.

Mehr Freiraum statt Parkflächen

Auch für die Stadt ergeben sich Vorteile: Weniger Autos bedeuten mehr nutzbaren Freiraum. Ziel sei es jedoch nicht, die Menschen in Kempen vollständig vom eigenen Auto abzubringen. Schon die Möglichkeit, auf Zweit- oder Drittwagen zu verzichten, sei ein Schritt in die richtige Richtung. Ein zentraler Baustein ist dabei Aufklärungsarbeit – insbesondere in Lebenssituationen, in denen sich Mobilitätsbedürfnisse verändern: etwa vor der Anschaffung eines neuen Autos oder wenn die nächste Generation den Führerschein macht. Gerade für Fahranfänger sind die Versicherungskosten erheblich, sodass Carsharing eine attraktive Alternative darstellen kann.

Doch wie kann ein solches Angebot in einer kleineren Stadt attraktiv gestaltet werden? Diese Frage wird derzeit in Gesprächen mit potenziellen Anbietern geklärt. Der Plan sieht vor, zunächst mit nur einem Elektroauto zu starten. Die Nutzung soll unkompliziert sein: Buchung per App, Abholung und Rückgabe an einem festen Standort. Als erster möglicher Standort ist ein privater Stellplatz mit Lademöglichkeit im Bereich des Wohngebietes an der Kreuzkapelle im Gespräch. „Wir möchten hier zunächst zeigen, dass das Konzept funktioniert“, so Roger Buschfeld. Gespräche laufen bereits mit einem Sharing-Anbieter, der solche Modelle bislang vor allem für Unternehmen und Kommunen umsetzt. Der Verein ist jedoch überzeugt, dass sich das Konzept auch für eine Nachbarschaft in Kempen übertragen lässt.

Zunächst soll der Nutzerkreis begrenzt werden, um Erfahrungen sammeln zu können. Es gilt hier, die richtige Balance zu finden: Zu wenige Nutzer machen das Angebot unwirtschaftlich, zu viele führen dazu, dass das Fahrzeug nicht verfügbar ist – und die Menschen doch lieber wieder auf ein eigenes Auto zurückgreifen. Parallel dazu läuft die Suche nach Sponsoren und Fördermitteln für die notwendige Anschubfinanzierung. Tragen muss sich das Modell am Ende des Tages selber.  Es gibt also noch einiges zu tun. Aber der Verein ist motiviert und offen für weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter.