Von Schuhen und Schreibwaren

Das Haus an der Engerstraße 10 blickt auf eine lange Geschichte als Geschäfts- und Gewerbehaus zurück. Michael Vietoris von der Gruppe der „Beldscheskieker“ zeichnet diese Geschichte einmal für erlebe Kempen nach. 

Zwischen 1912 und 1937 war das Haus an der Engerstraße 10 im Besitz der Familie Geissels, die hier einen Schuhhandel und eine Schuhreparaturwerkstatt betrieb.

Am 21. Juni 1948, einen Tag nach der Währungsreform, eröffneten hier meine Großeltern Heinrich (Heinz) und Amalie (Maly) das Schuhhaus Plenker. Beide waren sie mit diesem Metier vertraut, leiteten sie doch gemeinsam zwischen 1930 und 1935 eine Filiale der Schuhfirma Tack in Herne in Westfalen. Mein Großvater Heinrich war zudem gelernter Schuhmachermeister und meine Oma ausgebildete Verkäuferin.

Die Einrichtung in diesem Geschäft war sehr spartanisch. An den Wänden waren einfache Holzregale eingebaut, in denen die Schuhkartons nach Modellen und Größe gestapelt waren. In der Mitte des Raumes gab es zur Anprobe der Schuhe ein Rund aus Holzstühlen, die eigens dafür in der Stuhlfabrik Heinrichs auf der Kerkener Straße angefertigt worden waren. Im hinteren Teil des Ladenlokals betrieb mein Großvater zudem eine kleine Reparaturwerkstatt. In dieser produzierte er in den ersten Wochen nach Geschäftseröffnung die ersten Modelle noch selber. Danach fuhr er regelmäßig mit dem Zug nach Pirmasens, damals eine Hochburg der industriellen Schuhproduktion, und kaufte dort Ware ein. Diese wurde dann einige Tage später per Bahnfracht nach Kempen geliefert.

In den 1960er Jahren kam das Wappen an die Fassade

Anfang der 1960er Jahre gaben meine Großeltern das Geschäft aus Altersgründen auf und es wurde von Schreibwaren Lange übernommen. Aus dieser Zeit stammt das Kempener Wappen, das bis heute die Fassade des Hauses schmückt. Es ist wahrscheinlich von der Tönisberger Bildhauerin Anneliese Langenbach gestaltet worden, die auch den Bärenbrunnen entworfen hat.

Am 1. Januar 1970 pachteten Frau Beckers und ihr Mann die Schreibwarenhandlung, die noch bis 1980 den Namen Lange behielt. 1980 erwarb Frau Beckers das Haus und führte es unter dem Namen Schreibwaren Beckers. Am 1. Oktober 1992 übernahm ihr Sohn Rolf das Geschäft. Unter seiner Leitung wurde 1993 die Front des Hauses umgebaut und renoviert.

War der Eingang vorher auf der linken Seite mit einem größeren Schaufenster rechts daneben, zeigt sich heute der Eingang mittig mit zwei kleinen Schaufenstern rechts und links davon. Der weiß-gelbe Anstrich verleiht dem Haus ein freundliches Aussehen. Die östliche Giebelseite wurde mit einem imitierten Fachwerk versehen und alle Fenster erneuert. Die Räume oberhalb des Geschäftes wurden ab 1990 privat von der Familie Beckers genutzt. Davor waren sie vermietet.

Zu hoffen bleibt, dass das beliebte Geschäft, in dem Herr Beckers ein überaus großes und vielfältiges Angebot mit rund 60.000 Artikeln bereithält, der Kempener Bevölkerung noch lange als Anlaufpunkt für ihre Einkäufe rund um Schreibwaren und Zeitschriften erhalten bleibt.