„So was geht nur in Kempen“

Kempens Altstadt lebt – von inhabergeführten Geschäften, besonderen Ideen und vor allem von Menschen, die etwas wagen. Wir stellen einige von ihnen vor und fragen: Was macht Kempen anders als andere Innenstädte?

Kempen am Niederrhein hat, was andere Kommunen immer seltener haben: eine florierende Innenstadt mit inhabergeführten Geschäften.“ Was für die Kempener selbst wohl kein großes Geheimnis ist, machte im Mai ein ausführlicher Artikel im Handelsblatt bundesweit bekannt. Inzwischen ist die Erfolgsgeschichte der Altstadt sogar zum gefragten TV-Thema geworden.

Wer sich zwischen Buttermarkt, Judenstraße, Ellenstraße und Umstraße umsieht, merkt schnell: Kempen ruht sich auf seinem schönen historischen Ambiente nicht aus. Die Innenstadt erfindet sich immer wieder neu – vor allem, weil es Menschen gibt, die den Mut haben, etwas auszuprobieren. Junge Gründerinnen und Gründer ebenso wie erfahrene Geschäftsleute entwickeln neue Konzepte, schaffen besondere Erlebnisse oder denken ihr bisheriges Geschäft einfach noch einmal ganz anders.

Wir haben uns in der Altstadt umgesehen und einige dieser Menschen getroffen – und sie gefragt, warum ausgerechnet Kempen ein guter Ort ist, um Neues zu wagen.

Ein bisschen Dolce Vita

Dass eine lebendige Innenstadt längst nicht nur vom Einkaufen lebt, zeigen die neuen gastronomischen Konzepte. Sie sorgen dafür, dass Menschen nicht nur für einen schnellen Einkauf kommen, sondern bleiben, sich treffen und gemeinsam Zeit verbringen.

Beim Monelli an der Ellenstraße zieht in den Sommermonaten regelmäßig südländisches Lebensgefühl ein. Einmal im Monat heißt es „Drinks & Pizza“: Dann wird der Pizzaofen angeschmissen, Musik aufgelegt und aus einem Restaurant wird ein Treffpunkt für einen entspannten Sommerabend. Das Konzept kommt an – die Stimmung ist hervorragend, die Plätze besonders vor dem Restaurant und im Innenhof sind begehrt.

Ähnlich lebendig geht es in der Insieme Weinbar am Buttermarkt zu. „Wir wollen in Kempen etwas bewegen“, sagten die Inhaber jüngst der RP – und setzen deshalb ganz bewusst auf besondere Erlebnisse. Wine-Tastings und Champagner-Verkostungen sind ebenso geplant wie Daydrinking-Events mit DJ. Dann darf es auch mal ein Aperol to go sein, mit dem man entspannt durch die Altstadt flanieren kann.

Beide Beispiele zeigen: Gastronomie kann heute mehr sein als Essen und Trinken. Sie schafft Anlässe, in die Stadt zu kommen, Menschen zu treffen und länger zu bleiben. Und plötzlich fühlt sich ein Sommertag am Niederrhein ein kleines bisschen nach Urlaub an.

Die Kempener Rose blüht weiter

Neue Wege zu gehen, muss aber nicht immer bedeuten, etwas komplett Neues anzufangen. Manchmal heißt es auch, etwas Bewährtes neu zu denken. Genau das macht Barbara Sukatsch.

Elfeinhalb Jahre lang gehörte ihre „Kempener Rose“ fest zur Judenstraße. Das Geschäft lief gut, die Kundschaft war treu – und trotzdem entschied sie sich, den Laden zu schließen. „Ich habe drei Jahre mit mir gekämpft. Es lief gut, ich hatte eine total tolle Kundschaft. Aber es war einfach zu viel“, erzählt sie. Ganz aufhören? Das kam für die kreative Unternehmerin allerdings nicht infrage. „Ich bin nicht der Typ, der sich auf die Couch setzt. Ich liebe die Herausforderung.“ Und so bekommt die Kempener Rose nun ein neues, flexibleres Format: Statt täglicher Öffnungszeiten gibt es künftig ausgewählte Verkaufsevents – und dafür hat Barbara Sukatsch einen besonderen Ort gefunden.

Mehrmals verwandelt sie die Heilig-Geist-Kapelle am Buttermarkt in einen temporären Laden mit Wohnaccessoires, Dekorationen, haltbaren Rosen, Kränzen und Geschenkideen. „Das wird schon etwas Besonderes werden“, verspricht sie. Gerade die zentrale Lage und die Verbindung mit den Kempener Stadtfesten findet sie reizvoll.

Im September öffnet die Kempener Rose dort gleich dreimal: vom 3. bis 5. September mit Wohntrends, Deko und Kunsthandwerk, vom 25. bis 27. September passend zum Herbstfest und vom 30. September bis 2. Oktober erneut mit Wohntrends, Deko und Kunsthandwerk. Weitere Termine für November und Dezember stehen auch schon fest und sind zum Beispiel auf Instagram bei der Kempener Rose zu finden.

Für Barbara Sukatsch ist das neue Konzept die passende Mischung aus Kreativität und Freiheit: „Ich möchte schon das machen, was ich liebe.“ Und vielleicht ist genau diese Lust, Bewährtes loszulassen, ohne gleich ganz aufzuhören, eine der Zutaten, die eine Innenstadt wie Kempen lebendig hält.

Handwerk statt Handy

Nur ein paar Meter weiter steht dagegen jemand ganz am Anfang ihrer unternehmerischen Geschichte. Auch Alessa Rosenblatt hat sich ganz bewusst für die Kempener Altstadt entschieden. Mit Pottery & Paper an der Ellenstraße hat sie einen Ort geschaffen, an dem es nicht in erster Linie ums Einkaufen, sondern ums Selbermachen geht: Töpferkurse an der Drehscheibe, Workshops im Handaufbau, Kinderangebote und private Events bietet sie dort an.

Alessa Rosenblatt hat Psychologie studiert, in Marketing und IT zuletzt in einem großen Konzern gearbeitet. Irgendwann fehlte ihr dort etwas Entscheidendes: „Ich wollte gerne etwas Eigenes machen, die Erfolge von dem, was ich mache, auch sehen.“ Aus einem langjährigen Hobby wurde deshalb ein beruflicher Neustart. „Ich habe gesagt: Jetzt oder nie – mal was Eigenes machen.“

Dass sie dafür Kempen gewählt hat, lag auch an der schönen Altstadt mit ihren vielen Geschäften und der Laufkundschaft, durch die das neue Angebot schnell bekannt wird. Und daran, dass die Fußgängerzone einen sicheren Weg zu ihrem Studio bietet, wenn sie zum Beispiel Kinderkurse anbietet. Besonders angetan ist Alessa Rosenblatt vom Miteinander der Geschäftsleute. Die Connections in Kempen werden ganz anders gelebt als in anderen Städten. „Man fühlt sich willkommen.“ Statt Konkurrenzdenken erlebe sie Unterstützung und die Erkenntnis, dass Vielfalt allen nutzt. „Je größer die Vielfalt, desto besser für alle. Es beflügelt sich gegenseitig.“

Überhaupt seien es die inhabergeführten Geschäfte, die Kempen für sie ausmachen: handverlesene Sortimente, persönlicher Kundenservice und Menschen, denen ihr Laden und ihre Stadt am Herzen liegen. Ein Beispiel dafür liegt für sie fast vor der eigenen Haustür: Den Concept Store Konsequent schätzt sie besonders wegen seines Nachhaltigkeitsansatzes und weil solche individuellen Konzepte im Umland eben nicht selbstverständlich sind. 

Genau in dieses Umfeld passt auch Pottery & Paper – als Treffpunkt zum Abschalten, Ausprobieren und Kennenlernen. Und vielleicht entsteht dort mit der Zeit sogar eine kleine kreative Community, in der Menschen nicht nur gemeinsam töpfern, sondern miteinander ins Gespräch kommen. Das Motto dazu könnte kaum besser in die Zeit passen: Handwerk statt Handy.

Probieren ausdrücklich erwünscht

Dass der persönliche Kontakt ein entscheidender Vorteil des stationären Handels sein kann, zeigt auch der nächste Neuzugang in der Altstadt. Maximilian Stolzenberg hat bewusst ein Konzept gewählt, bei dem das Gespräch und der Austausch mit den Kunden ausdrücklich dazu gehört.

„Ich möchte hier ein Erlebnis schaffen“, sagt er. Der gebürtige Krefelder ist neuer Inhaber von vomFASS an der Umstraße – und hat sich damit beruflich ganz neu aufgestellt. Der gelernte Augenoptiker suchte mit seiner Selbstständigkeit etwas, das vor allem eines bietet: viel Kontakt zu Menschen. „Ich quatsche einfach gerne“, sagt er lachend.

Das passt zum Konzept von vomFASS: Unter dem Motto „Sehen – Probieren – Genießen“ können Kunden Essige und Öle, Weine, Brände, Liköre und weitere Feinkost nicht nur kaufen, sondern vor der Entscheidung auch verkosten. Viele flüssige Spezialitäten werden zudem in der gewünschten Menge abgefüllt; eigene Gefäße können im Nachfüllsystem erneut verwendet werden. Das Familienunternehmen betreibt inzwischen mehr als 200 Fachgeschäfte weltweit.

Bevor Stolzenberg eröffnen konnte, hieß es allerdings erst einmal anpacken: Einen Monat lang gab er nach eigener Aussage „Vollgas“, um das Ladenlokal fit zu machen. Unterstützung bekam er dabei von der Franchise-Zentrale. Und die schaute schon im Vorfeld genau hin: Eine Standortanalyse sollte zeigen, ob das Konzept in Kempener Altstadt funktionieren kann. Das Ergebnis: Kempen passt.

Für Stolzenberg selbst stand ohnehin schnell fest, dass er sein Vorhaben hier verwirklichen wollte. Er kennt viele Menschen aus der Region, die ganz bewusst zum Einkaufen und Bummeln in die Altstadt kommen. Und kaum angekommen, ist er schon mittendrin im Kempener Netzwerk. Bei den Nachbarn hat er sich vorgestellt, mit dem Concept Store Fräulein Mode und Wohnen nebenan gibt es bereits erste Ideen für gemeinsame Aktionen.

Denn Stolzenberg will mehr als verkaufen: Genuss, Spaß und Events sollen seinen Laden zu einem Ort machen, an dem man gerne ein bisschen länger bleibt. Auch das ist eine Idee, die sich durch viele der neuen Konzepte in Kempen zieht: der Laden als Erlebnis- und Begegnungsort.

Tradition trifft 24/7

Dass für neue Ideen nicht zwingend ein neues Unternehmen gegründet werden muss, zeigt wiederum ein Kempener Traditionsbetrieb. Manchmal entsteht Innovation gerade dort, wo ein Unternehmen schon seit Generationen fest mit der Stadt verbunden ist. Seit mehr als 100 Jahren in Kempen verwurzelt, hat die Fleischerei Fander im Mai mit dem Fander 24/7-Store an der Hülser Straße 39 ein ungewöhnliches Konzept gestartet. Auf 60 Quadratmetern gibt es Fleisch- und Wurstwaren, Molkereiprodukte, Tiefkühlkost, Getränke und hausgemachte Fertiggerichte – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche (erlebe Kempen berichtete).

Der Einkauf funktioniert komplett in Eigenregie: Karte an den Eingang halten, Produkte auswählen, selbst scannen und bargeldlos bezahlen. Die Resonanz auf das „mutige und zukunftsorientierte Konzept“ sei ausgesprochen positiv. Und doch ersetzt die Technik nicht das, was für Fander den Kempener Handel ausmacht: Nähe. „Wir haben im Laufe der Jahre zu so vielen Kunden ein schönes Verhältnis aufgebaut“, sagte Maria Fander zur Eröffnung. „Das ist es auch, was Unternehmertum hier in Kempen ausmacht – und das spürt man in so vielen Geschäften hier in der Stadt.“

Damit schließt sich ein Kreis: Ob Töpferstudio, Feinkostgeschäft, Weinbar oder Traditionsmetzgerei – die Konzepte könnten unterschiedlicher kaum sein. Gemeinsam ist ihnen aber der Versuch, auf veränderte Gewohnheiten zu reagieren, ohne das Persönliche aufzugeben.

Plötzlich schaut ganz Deutschland hin

Und genau diese Mischung wird inzwischen auch außerhalb Kempens wahrgenommen. Den Anfang machte der Bericht im Handelsblatt über die ungewöhnlich vitale Innenstadt. Danach wurde der WDR aufmerksam, Anfang August war schließlich auch das ZDF für Dreharbeiten in Kempen – mit Beiträgen für „heute – in Deutschland“ und den „Länderspiegel“.

„Ursächlich ist der Bericht im Handelsblatt gewesen“, sagt Armin Horst, Vorsitzender des Werberings Kempen. „Jetzt haben wir Kempen gleich zweimal bundesweit im ZDF. Und das ist natürlich nicht so ganz schlecht für Kempen.“ Dass aus einem Zeitungsartikel gleich mehrere Fernsehberichte entstehen, zeigt: Die Frage, warum eine vergleichsweise kleine Stadt am Niederrhein noch eine funktionierende Innenstadt besitzt, beschäftigt längst nicht nur die Menschen vor Ort.

Doch was macht Kempen tatsächlich anders? Die eine Antwort darauf gebe es nicht, sagt Horst. Vielmehr sei es die besondere „Gemengelage“: „Das historische Ambiente, die Sauberkeit, die Vielfalt, der kleinteilige Einzelhandel, die breit gefächerte Gastronomie und einfach die tolle Aufenthaltsqualität – das Ganze ist so ein Paket.“

Ein wichtiger Teil davon ist auch das Engagement des Werberings Kempen, der gemeinsam mit anderen Akteuren immer wieder neue Anlässe für einen Besuch in der Innenstadt schafft. Im August sorgte etwa der „Verrückte Einkauf“ mit ungewöhnlichen Aktionen für Spaß beim Stadtbummel. Und schon Ende September folgt der nächste Publikumsmagnet: Vom 25. bis 27. September lädt der Werbering gemeinsam mit XDream-Events zum neu konzipierten Herbstfest ein. Drei Tage lang wird die Innenstadt zur Bühne für Musik, Händler, Handwerk und Familienangebote – modern, lebendig und mitten in der Stadt.

Es ist nicht die eine Zutat

Armin Horst ist allerdings wichtig, den Blick nicht allein auf den Handel und den Werbering zu richten. Auch der Verkehrsverein und viele weitere Vereine tragen ihren Teil dazu bei. Die Karnevalisten sorgen für einen Rosenmontagszug, der St. Martinsverein für einen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Martinszug. Dazu kommen Feste, Kulturveranstaltungen und viele weitere Aktivitäten. „Hier passiert ganz viel, und die Leute stecken noch mit Herzblut dahinter“, sagt Horst.

Ein Selbstläufer ist all das trotzdem nicht. Natürlich gibt es auch in Kempen Leerstände. Geschäfte schließen, Gewohnheiten verändern sich, der Onlinehandel bleibt Konkurrenz und auch eine attraktive historische Kulisse allein garantiert noch keine florierende Innenstadt.

Vielleicht liegt Kempens Stärke deshalb gerade darin, dass auf Veränderungen immer wieder neue Antworten gefunden werden. Eine Unternehmerin schließt nach elfeinhalb Jahren ihr Ladenlokal – und taucht mit Pop-up-Events in der Heilig-Geist-Kapelle wieder auf. Eine ehemalige IT-Beraterin eröffnet ein Töpferstudio. Ein Augenoptiker wagt mit Feinkost den Schritt in die Selbstständigkeit. Ein Traditionsmetzger verbindet persönliche Kundenbeziehungen mit einem vollautomatisierten 24/7-Laden. Gastronomen machen aus einem normalen Sommerabend ein kleines Event.

Und immer wieder finden sich Menschen, die den Mut haben, solche Ideen ausgerechnet hier auszuprobieren. Genau das erlebt auch Armin Horst in Gesprächen mit neuen Geschäftsleuten. Eine Aussage ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „So etwas geht nur in Kempen.“