Wo Menschen und Geschichten zusammenkommen

Im SchreibClubKempen treffen Menschen aufeinander, die ihre Geschichten zu Papier bringen möchten. Sie lesen vor, geben Feedback und inspirieren sich gegenseitig. So unterschiedlich die Stile und Geschichten auch sind – die Freude am Schreiben verbindet.

Mit einem Plakat fing alles an, verteilt auf einige Schaufenster in der Altstadt. Der SchreibClubKempen sei offen für Menschen, die gern schreiben, und treffe sich im Kemp Inn an der Peterstraße, war darauf zu lesen. Die ersten paar Wochen saß Rafael Vives dann aber dort allein. Das Team des Kemp Inn habe ihn schon mitleidig angesehen, erinnert er sich und lacht. Doch Vives blieb gelassen: „Irgendwann wird jemand kommen.“ Und tatsächlich: Ingo Loy aus Hüls stieß dazu. Und aus dem Duo wurde nach und nach eine Gruppe.

Heute treffen sich dort alle zwei Wochen Menschen, die ihre Geschichten und Ideen aufschreiben und ihre Texte mit anderen teilen wollen. Mal sind es fünf, mal sechs oder sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie kommen aus Kempen und der Umgebung, sind unterschiedlich alt und schreiben ganz unterschiedliche Texte. Mal Kurzgeschichten, mal Romane. Genau diese Unterschiedlichkeit ist für die Teilnehmenden der Reiz.

„Tausend Geschichten“ im Kopf 

Rafael Vives ist in seinem Leben viel herumgekommen. Auf seinen Stationen in unterschiedlichen Städten schloss er sich immer wieder Schreibtreffs an. Als er vor etwa zwei Jahren nach Kempen zog, fehlte ihm genau so ein Ort des Austauschs. Also gestaltete er das Plakat – und wartete. 

Dass ausgerechnet Rafael und Ingo, zwei sehr unterschiedliche Männer, gemeinsam den Anfang machten, passt zum Charakter des Clubs. Rafael Vives stammt ursprünglich aus Kolumbien und kam mit 18 Jahren zum Studium in die damalige DDR. Später studierte er in Aachen erneut und arbeitete unter anderem im Bereich Wasserstoffgewinnung. Er pachtete einen leer stehenden Bahnhof und machte daraus eine Veranstaltungshalle, die er 20 Jahre lang betrieb, wie er erzählt. Heute ist er als SAP-Berater tätig. Sein Leben hat ihn an viele Orte geführt – und ihm entsprechend viele Geschichten beschert.

Geschrieben hat Vives eigentlich schon immer. In seinem Kopf, sagt er, leben „tausend Geschichten“, die irgendwann nach draußen wollen. Vieles davon hat mit seinem eigenen Leben zu tun. Gerade arbeitet er an einem größeren Romanprojekt über Migration. Ein Schelmenroman soll es werden. Ein junger Kolumbianer wandert zu Fuß in die USA, scheitert dort an seinen Träumen und kommt schließlich nach Spanien, wo er mit nachgebildeten Edelsteinen zum Betrüger wird. 

Beim Schreiben greift Vives immer wieder auf eigene Erfahrungen zurück. Seine Biografie liefert reichlich Stoff: Begegnungen in der DDR, Reisen, das Dolmetschen für Sportler bei Olympia 1980 in Moskau, die Zeit in Aachen, aber auch schwierige Momente. Er sei in ärmeren Verhältnissen groß geworden und habe sich damals schon oft in die Fantasie geflüchtet. 

Über eine skurrile Reise 

Im Gegensatz zum Weltenbummler Rafael Vives ist Ingo Loy Hülser durch und durch. Und wird es wohl immer bleiben, wie er schmunzelnd erzählt. 38 Jahre hat er als Chemielaborant in Forschung und Entwicklung gearbeitet. Heute ist er bei der Caritas am Empfang eines Altenheims tätig. Eine Arbeit, die ihm viel Spaß macht. „Jetzt möchte ich mit Menschen arbeiten“, sagt er. 

Als Jugendlicher las er kaum. Dann fiel ihm Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ in die Hände, und plötzlich war die Lust am Lesen geweckt. Es folgten viele Krimis und schließlich schrieb er eigene Kurzkrimis. Er nahm auch am Krefelder Kurzkrimipreis teil. Sein Text „Giftige Weihnachten“ schaffte es unter die besten 20, berichtet er nicht ohne Stolz. Seitdem schreibt er immer wieder.

Aktuell arbeitet er an einer Geschichte mit dem Arbeitstitel „Mutters Reise“. Darin fährt ein Sohn mit seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter von Hamburg nach München, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen: Teil der Ausstellung „Körperwelten“ zu werden. Die Ausgangssituation ist skurril, doch im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Mutter und Sohn – und die Entwicklung des Ich-Erzählers während der gemeinsamen Reise. Der Schreibclub motiviert Ingo, an der Geschichte weiterzuschreiben.

Austausch und Kritik, aber ohne Verriss

Genau darin sehen beide eine wichtige Funktion des Clubs. Es geht nicht um Schreibunterricht und auch nicht darum, fertige Literatur abzuliefern. Die Mitglieder lesen sich Texte vor, geben sich Rückmeldungen und inspirieren einander. „Wir wollen nur Leute, die schon eine gewisse Erfahrung und Lust haben zu schreiben“, sagt Vives. Wer erwartet, hier das Schreiben von Grund auf zu lernen, ist deshalb eher nicht am richtigen Ort.

Kritik gehört trotzdem dazu – aber ohne Verriss. Das ist eine der wichtigsten Regeln des Clubs. Ein Text darf einem nicht gefallen. Entscheidend sei aber, wie man das sagt. Statt „Das ist schlecht“ geht es darum, Anregungen zu geben und den anderen weiterzubringen. Dazu kommen kleine Schreib-Challenges. Ein Wort wird vorgegeben – „Bett“ war beispielsweise einmal dabei – und dann haben alle fünf Minuten Zeit, etwas dazu zu schreiben. Solche Übungen sollen Schreibblockaden lösen und die Teilnehmenden aus ihren gewohnten Bahnen herausholen. „Jeder von uns schreibt ganz anders, jeder empfindet anders. Darum kommen auch ganz andere Ergebnisse dabei raus“, erzählt Ingo Loy. So inspiriert man sich gegenseitig. Er habe durch den Input in der Gruppe darüber nachgedacht, etwas detailverliebter zu schreiben, was er bisher so nicht gemacht hat. 

Und die unterschiedlichen Lebensgeschichten sind dabei ein wichtiger Teil des Ganzen. Im Club sitzen Menschen aus ganz verschiedenen Berufen und Generationen. Die Älteste ist etwa 68, die Jüngste Mitte 30. 

Die Mischung der Menschen im Club ist das Spannende. „Jeder hat eine andere Geschichte“, sagt Loy. Es sind Geschichten, die man sich selbst kaum ausdenken könnte.

Ideen für ein Heftchen und Lesungen

Der SchreibClubKempen soll deshalb auch noch wachsen – allerdings nicht um jeden Preis. Die Gruppe möchte zusammenpassen und einen gemeinsamen Anspruch teilen. Mittelfristig gibt es bereits eine konkrete Idee: ein eigenes kleines „Heftchen“, in dem regelmäßig Geschichten der Mitglieder veröffentlicht und kostenlos verteilt werden sollen. Das könnte eine zusätzliche Motivation fürs Schreiben liefern. Denn viele kennen das Gefühl, dass es schwer ist, dranzubleiben und sich die Zeit zu nehmen, wenn viel zu tun ist. 

Vielleicht gibt es irgendwann auch öffentliche Lesungen. Noch ist das eine Idee, die reifen soll. Denn eigentlich sind Rafael Vives und Ingo Loy  keine Menschen, die unbedingt im Rampenlicht stehen wollen. Trotzdem kann es eine gute Erfahrung sein, zu erleben, wie die eigenen Zeilen beim Publikum ankommen. 

Beide verbindet übrigens noch eine Besonderheit. Sie gehören wohl zu den letzten, die noch mit der Hand schreiben, stellen sie amüsiert fest. Hilfe von Künstlicher Intelligenz wollen sie nicht in Anspruch nehmen. Sie wollen auch Ecken und Kanten und keine zu glatten Geschichten. 

Die Liebe zum Schreiben und zu den Geschichten ist ansteckend, wenn man mit den beiden spricht. Und sie haben daraus einen Kreis geschaffen, in dem aus einzelnen Geschichten ein schönes Gemeinschaftsprojekt geworden ist.