Dranbleiben für den Debütroman

Die Kempenerin Silke Schlubat hat ihr erstes Buch geschrieben, „Grüne Rehe“ heißt es. Unterstützt wurde sie dabei vom BVK Buch Verlag Kempen und Verleger Hans-Jürgen van der Gieth. Mit erlebe Kempen hat sie darüber gesprochen, wie aus einer Idee ein fertiger Roman wurde, warum feste Schreibzeiten wichtig sind und wie eigene Erfahrungen in eine Geschichte einfließen.

erlebe Kempen: „Ich könnte ein Buch darüber schreiben“ – diesen Satz hört man oft. Wann wurde aus dem Gedanken tatsächlich ein Plan?

Silke Schlubat: Die Idee, irgendwann einmal ein Buch zu schreiben, hatte ich tatsächlich schon zu Schulzeiten. Ich hatte Deutsch-Leistungskurs, habe mich immer gerne mit Büchern beschäftigt und hatte eine sehr engagierte Deutschlehrerin, die mich für das Thema inspiriert hat. Ich habe schon damals gedacht: Irgendwann schreibst du auch mal ein Buch. Dann kamen Studium, Ausbildung, erstes Kind, zweites Kind – und irgendwie war keine Zeit dafür. Vor etwa zwei Jahren habe ich mich wieder ernsthafter mit dem Gedanken beschäftigt. Im Allgäu-Urlaub wurde die Geschichte dann konkreter. Da habe ich beschlossen: Jetzt packe ich das wirklich an.

Und wie fängt man an, wenn man zwar eine Idee, aber noch kein fertiges Buch im Kopf hat?

Ich wusste überhaupt nicht, wie ich meine ganzen Ideen zusammenbringen sollte. Ich hatte von Hans-Jürgen van der Gieth gehört, er war mit meinem Vater in der Schule, und ich wusste, dass er Buchprojekte unterstützt. Also habe ich einfach Kontakt aufgenommen. Wir haben uns dann getroffen und er hat mir erklärt, wie man einen Schreibplan entwickelt und die Geschichte strukturiert. Danach habe ich mich hingesetzt und ihm irgendwann einen ersten Auszug geschickt. Als er den gut fand, hat mich das natürlich motiviert, weiterzumachen.

Was war dabei der wichtigste Tipp?

Dranzubleiben. Herr van der Gieth hat mir von Anfang an gesagt, dass man wirklich konsequent weitermachen muss. Ich habe mir an meinen arbeitsfreien Vormittagen bewusst Zeit zum Schreiben freigehalten, obwohl natürlich immer genug zu tun ist. Meistens habe ich mir an zwei Vormittagen zwei Stunden genommen, am Wochenende manchmal zusätzlich. Auch wenn nach zwei Stunden manchmal nicht besonders viel dabei herauskam. Ich habe dann schon mal gedacht: In der Zeit hättest du auch bügeln können. Aber ich glaube, es hilft einfach, sich feste Zeiten zu setzen, das Handy wegzulegen und sich wirklich zu konzentrieren.

Worum geht es in „Grüne Rehe“?

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, die denselben Gendefekt haben: Achromatopsie, also völlige Farbenblindheit. Die beiden gehen aber sehr unterschiedlich damit um. Sarah, die ältere der beiden, steht mitten im Leben. Sie hat einen Job, einen Mann, Kinder und ein Haus und bekommt eigentlich alles ganz gut gewuppt. Jule ist jünger und noch stärker auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Was zunächst als eine Art Coaching von Sarah für Jule beginnt, kehrt sich irgendwann um. Denn auch Sarah hat ihre eigenen Baustellen.

Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Geschichte?

Autobiografisch würde ich das nicht nennen. Aber natürlich schreibt man immer auch über Dinge, die man kennt. Ich habe diesen Gendefekt selbst und dachte deshalb, dass ich dieses Thema gut einbauen kann. Das Buch dreht sich aber nicht nur darum. Es geht ganz viel um Zwischenmenschliches. Ich glaube, in mir steckt ein bisschen Sarah und ein bisschen Jule. Meine eigenen Erfahrungen sind also sicherlich mit eingeflossen.

Was bedeutet Achromatopsie für Ihren Alltag?

Den Gendefekt hat man von Geburt an. In Deutschland gibt es nur ungefähr 2.700 Menschen, die davon betroffen sind. Die Zapfen im Auge sind nicht richtig entwickelt. Dadurch sieht man überhaupt keine Farben und hat ein sehr geringes Sehvermögen – maximal etwa zehn Prozent. Das ist bei mir auch so. Besonders schwierig ist die extreme Blendempfindlichkeit. Bei hellem Tageslicht sehe ich kaum noch etwas. Ich brauche dann eine sehr dunkle Sonnenbrille, um überhaupt halbwegs klarzukommen. Dazu kommt ein sogenannter Nystagmus, also Augenzittern, was das Sehen zusätzlich unschärfer macht.

Und beim Schreiben?

Das hindert mich überhaupt nicht am Schreiben. Ich nutze Vergrößerungseinstellungen und einen dunklen Hintergrund, damit es weniger blendet. Aber ich kenne es ja nicht anders und bin damit aufgewachsen. Deshalb komme ich damit eigentlich ganz gut klar.

Gibt es Alltagssituationen mit Ihrer Farbenblindheit, die auch in die Geschichte eingeflossen sind?

Ja, durchaus. Kleidung kaufen ist zum Beispiel so eine Sache. Früher bin ich mit meiner besten Freundin oder meiner Mutter einkaufen gegangen und habe instinktiv gerne zu hellen Farben gegriffen, gerne dann zu Schweinchenrosa. Dann war ich begeistert von einem Kleidungsstück und die anderen sagten: „Häng das mal wieder weg.“ Das passiert mir auch heute noch. Solche Situationen sind einerseits lustig. Andererseits merkt man dabei natürlich auch, wie schwierig es sein kann, wenn man keine Farben sieht. Oder wenn man draußen so geblendet ist, dass man seine eigenen Kinder auf dem Spielplatz nicht wiederfindet. Das ist dann plötzlich nicht mehr nur lustig, sondern auch ein ernstes Thema.

Hatten Sie die Geschichte von Anfang an komplett im Kopf?

Nein. Die grobe Geschichte stand schon vorher, und ich habe mir die Kapitel ein bisschen aufgeteilt. Aber bis kurz vor Schluss wusste ich selbst nicht genau, wie die Geschichte ausgehen wird. Auch die Figuren haben sich während des Schreibens weiterentwickelt. Ich hatte also nicht alles von Anfang an komplett geplant.

Das Manuskript ist fertig. Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe es vor den Sommerferien an Hans-Jürgen van der Gieth geschickt. Das Lektorat ist fast fertig. Beim Cover sind wir noch dabei, verschiedene Ideen zu entwickeln. Wenn alles passt, soll das Buch im November erscheinen. In der ersten Runde haben wir 500 Exemplare geplant. Natürlich hoffe ich, dass es eine zweite Auflage gibt. Im besten Fall kommt man dann finanziell auf plus/minus null oder es bleibt sogar ein bisschen etwas hängen.

Haben Familie oder Freunde zwischendurch mal reingelesen?

Nein, ganz bewusst nicht. Ich kenne mich: Ich wäre wahrscheinlich völlig verunsichert gewesen, wenn jemand freundlich gesagt hätte, dass es gut ist, ich aber gleichzeitig das Gefühl gehabt hätte, dass es ihm eigentlich nicht richtig gefällt. Deshalb habe ich das gar nicht gemacht. Meine Familie wusste natürlich ungefähr, worum es geht. Mein Mann und die Kinder haben mich beim Schreiben gesehen. Aber über die konkrete Handlung habe ich nicht viel erzählt.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

Ich bin Diplom-Verwaltungswirtin und arbeite seit vier Jahren bei der Stadt Kempen. Davor war ich lange bei der Stadt Krefeld. Heute arbeite ich im Jugendamt als Amtsvormund. Das ist eine spannende Aufgabe. Man bekommt Einblicke in Familiengeschichten, in die man sonst wahrscheinlich nie so tief eintauchen würde. Ich habe viel Kontakt mit Kindern und regle viele Dinge für sie. Das ist eine schöne Mischung aus Schreibtischarbeit und direktem Kontakt. Und natürlich liefert so ein Beruf auch jede Menge Geschichten. Da habe ich tatsächlich schon einige Dinge im Kopf, die man irgendwann einmal literarisch einfließen lassen könnte.

Dann wird es vielleicht nicht bei einem Buch bleiben?

Eine Fortsetzung wird es nicht geben. Die Geschichte ist abgeschlossen. Aber ich habe tatsächlich noch richtig viele Ideen. Es gibt Themen, die mich beschäftigen und aus denen ich mir durchaus noch etwas basteln könnte. Ich habe auf jeden Fall Lust, noch einmal weiterzumachen. Für den Moment konzentriere ich mich erst einmal darauf, dass dieses Buch erscheint. Aber ich glaube, ich mache das noch mal.