„St. Martin – das ist eine große Ehre“

Georg Funken ist der neue St. Martin von Kempen. Für den 59-Jährigen ist das die Fortsetzung einer Familientradition. Seit seiner Kindheit gehört das Martinsfest zu seinem Leben – und seit 23 Jahren ritt er als Herold an der Seite seines Vorgängers Franz-Josef „Jüppi“ Trienekens.

Eigentlich durfte niemand etwas wissen. Schon an Pfingsten gab es Gespräche und Georg Funken sagte zu: Er würde in diesem Jahr der neue St. Martin von Kempen werden. Doch bis zur offiziellen Wahl in der Mitgliederversammlung im September musste das Geheimnis gewahrt bleiben. „Wir wollten nicht, dass das durch die Stadt geht“, erzählt Funken. Und das habe erstaunlich gut funktioniert. Nur einmal sei er vorher direkt angesprochen worden – morgens beim Friseur. „Ich musste natürlich alles leugnen.“

In der Versammlung des St.-Martin-Vereins Kempen Anfang September ging dann ein Raunen durch den Raum, als bekannt wurde: Franz-Josef „Jüppi“ Trienekens tritt nicht mehr an. Nach 23 Jahren macht er den Platz im Sattel frei. Schon länger hatte er angekündigt, mit 60 aufhören zu wollen, ließ sich dann aber noch zweimal überreden. Nun soll aber endgültig Schluss sein. Die Überraschung über seinen Abschied war groß. Viele junge Kempenerinnen und Kempener kennen gar keinen anderen St. Martin als ihn. 1984 war er zum ersten Mal als Herold in den Sattel gestiegen, 2003 dann zum ersten Mal St. Martin. Zum letzten Mal war er im vergangenen Jahr bei der Beerdigung des Kempener Ehrenbürgers und Ehrenvorsitzenden des Martinsvereins Karl-Heinz Hermans in die Rolle des Heiligen geschlüpft. Er hatte den Sarg dabei zu Pferd von der Propsteikirche bis zum Friedhof begleitet. 

„Du hast dich nie in den Vordergrund gerückt. Immer geht es um das Fest, das Brauchtum, die Kinder – nicht um dich“, lobte der Vorsitzende Rainer Hamm Trienekens‘ Verdienste bei der Versammlung. Vieles habe er im Hintergrund gemacht und er steht auch weiter als „Ersatzmann“ zur Verfügung, wenn mal ein Herold ausfällt. Außerdem bleibt Jüppi Trienekens dem Verein als Sammler, Zeugwart und Helfer erhalten. Seinen Nachfolger hatte er selbst vorgeschlagen: Georg Funken wurde dann auch einstimmig gewählt.

Vom Herold in den Martinsmantel

Für Funken ist das mehr als eine neue Aufgabe. Es ist ein Stück Familiengeschichte. Sein Vater Friedhelm Funken ritt bereits ab 1967 als Herold und wurde 1969 erstmals St. Martinsdarsteller. 29 Jahre lang verkörperte er den Heiligen. Georg Funken selbst wurde 1966 geboren – St. Martin gehörte also zu seinem Leben. „Ich bin mit St. Martin groß geworden. Das war immer schon eine Familiengeschichte.“ Die ersten Erinnerungen reichen zurück bis in die Kindheit: an die Versammlungen, an die alten Geschichten, an die Menschen, die das Martinsbrauchtum über Jahrzehnte prägten. Er erinnert sich an die kindliche Angst, wenn die jährliche Wahl des St. Martins in der Versammlung anstand, dass es der Vater diesmal nicht werden würde. Und irgendwann durfte er selbst mithelfen. Beim Packen der Bloese, den Kempener Martinstüten, bekam er als Jugendlicher zunächst die Aufgabe, die fertigen Tüten auf die Wagen zu stapeln. Ein Stapel fiel um – und Funken wechselte die Tätigkeit. „Seitdem tacke ich die Tüten. Immer am gleichen Band, immer an der gleichen Stelle. Das werde ich natürlich auch weiterhin machen.“

Es ist diese Mischung aus großen Auftritten und kleinen, selbstverständlichen Diensten, die den Verein ausmacht. Der Vorstand leiste tolle Arbeit. Vom Einkauf für die Bloese bis zum immer umfangreicheren Sicherheitskonzept für die beiden Züge läuft einfach alles routiniert ab. Dass diese Tradition funktioniert, liegt für Funken auch daran, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Im Verein finden sich zahlreiche Familien, die seit Jahrzehnten dabei sind. Sein Sohn Henning engagiert sich inzwischen ebenfalls. 

Gleichzeitig lassen sich aber auch immer wieder neue Menschen in der Stadt von der Martins-Begeisterung anstecken. Besonders hebt Georg Funken das Engagement der Schulen und Kitas hervor. Ohne sie würde gar nichts laufen.

Funken selbst hatte als Kind keineswegs damit gerechnet, eines Tages St. Martin zu werden. „Ich habe als Kind immer gehört, du kannst nie St.  Martin werden, der nächste St. Martin ist Jüppi.“ Funken rückte dann zunächst als Ersatzmann in die Reihe der Herolde nach und gehörte nun seit 23 Jahren zum Trio an der Spitze des Zuges.

Nun sitzt er selbst im Sattel des Heiligen Martin. Für die Reiter gelten in Kempen längst andere Anforderungen als früher. Sie müssen Reitstunden nachweisen und einen entsprechenden Befähigungsnachweis vorlegen. Schließlich ziehen die Reiter beim großen Martinszug weitgehend selbstständig durch die Stadt. Die Pferde kommen seit vielen Jahren aus einem erfahrenen Krefelder Reitstall. Funken wird in diesem Jahr voraussichtlich auf einem Schimmel namens Fritz reiten.

Ein Fest für die ganze Stadt

Rund 2.500 Kinder aus Grund- und weiterführenden Schulen ziehen am 10. November mit ihren selbst gebastelten Laternen durch die Altstadt. Zehntausende Zuschauer verfolgen den Zug und sehen das traditionelle Feuerwerk an der Burg. Einen Tag zuvor gehört die Altstadt den Kindergartenkindern: Beim Kleinkinderzug erleben sie St. Martin in einer eigens auf sie zugeschnittenen Atmosphäre.

Das Brauchtum ist für Georg Funken weit mehr als ein beeindruckendes Spektakel. „Wenn man diese leuchtenden Kinderaugen sieht, die am Feuer stehen, der Bettlerszene zuschauen und einfach nur fasziniert sind – da bekommt man doch ein bisschen Gänsehaut.“ Vor allem ist es aber die Idee des Teilens, die beim Martinsfest in Kempen keine bloße Kulisse ist, sondern aktiv gelebt wird. Das Engagement des St.-Martin-Vereins reicht weit über die Durchführung der Züge hinaus. Er gibt mit der Fackelprämierung Geld an Schulklassen aus und hilft über einen Sonderfonds Kindern, die bei der Finanzierung von Klassenfahrten und ähnlichen Dinge unbürokratische Hilfe brauchen. Dieses Engagement wird durch die Haussammlung ermöglicht. Im September und Oktober sind die ehrenamtlichen Sammlerinnen und Sammler in den Straßen der Stadt unterwegs und bitten an jeder Haustür um eine Spende. 

Auch Georg Funken ist natürlich dabei. Im wahren Leben leitet der gelernte Zahntechnikermeister ein mittelständisches Labor. Für die Tage rund um St. Martin nimmt er sich dann auch gerne Urlaub. Da muss angepackt werden. Als Herolde werden Michael Fander und Alexander Schmitz im Sattel sitzen. Schmitz hatte bereits seit 2024 als Ersatz für Fander den Kleinkinderzug begleitet. Auch bei ihm hat das Engagement im Martinsbrauchtum Familientradition. Als erfahrener Reiter ist er für die Aufgabe bestens geeignet. Seit vielen Jahren auch er bereits als Sammler aktiv. 

Wenn Georg Funken am 9. November zum ersten Mal selbst als St. Martin durch Kempen reitet, wird vieles vertraut sein – und doch ganz neu. Besonders emotional dürfte der Moment werden, wenn die Musikkapelle ihn zum großen Zug zuhause am Amselweg abholt und dann die Musik erklingt. Sein Lieblingslied ist „Zint Mäerte“, das für ihn untrennbar mit dem Kempener Martinszug verbunden ist. Für ihn ist klar: „Das ist schon eine große Ehre.“

Eine neue Figur für das Martinsdenkmal?

Eine besondere Verbindung zur Kempener Martinsgeschichte hat auch das Martinsdenkmal auf dem Buttermarkt. Am 6. Dezember 2004 übergab der St.-Martin-Verein Kempen die Skulptur „Sankt Martin in Kempen“ an die Kempener Bürgerschaft. Die Arbeit des Bildhauers Michael Franke zeigt Kempener Kinder mit Fackeln und Martins-Bloese. Viele, die selbst als Kinder am Martinszug teilgenommen haben, finden sich in den dargestellten Figuren wieder.

Entstanden ist die Skulptur auf Initiative des St.-Martin-Vereins. Möglich wurde das Projekt durch die Unterstützung von Stiftungen und Vereinen sowie durch zahlreiche Spenden aus der Kempener Bevölkerung. Seitdem erinnert das Denkmal auch außerhalb der Martinszeit an das besondere Brauchtum der Stadt.

Eng mit der Skulptur und dem Martinsverein verbunden war auch Karl-Heinz Hermans. Der ehemalige Kempener Bürgermeister und Ehrenbürger, der am 10. November 2025 im Alter von 96 Jahren starb, führte den St.-Martin-Verein 20 Jahre lang und prägte das Martinsbrauchtum entscheidend mit. Ende 2012 ernannten ihn die Vereinsmitglieder zum Ehrenvorsitzenden. Auch die traditionellen Verse „op Kempsch Platt“ auf den Kempener Martins-Bloese stammen aus seiner Feder.

Nach seinem Tod bat die Familie statt um Kränze und Blumen um Spenden für den Martinsverein. Rund 10.000 Euro kamen auf diesem Weg zusammen. Daraus soll nun etwas Bleibendes entstehen: Bei der jüngsten Vereinsversammlung berichtete Vorsitzender Rainer Hamm von Überlegungen, das Martinsdenkmal auf dem Buttermarkt um eine weitere Figur zu ergänzen.

Die Idee passt zu Hermans’ langjährigem Engagement für das Kempener Martinsbrauchtum und für seine geliebte Heimatstadt. Erste Gespräche über eine mögliche Erweiterung der Skulptur haben bereits begonnen.

St. Martin in Kempen – die wichtigsten Termine

Fackelausstellung: 16. Oktober bis 5. November, Rathaus am Buttermarkt

Bevor die selbst gebastelten Laternen durch die Altstadt getragen werden, sind die schönsten Exemplare im Rathaus-Foyer zu sehen. Die liebevoll gebastelten Laternen der Kindergartenkinder schmücken in dieser Zeit zahlreiche Schaufenster der Einzelhändler.

Kleinkinderzug: Montag, 9. November, 18 Uhr 

Der erste große Martinsmoment gehört den jüngsten Kempenerinnen und Kempenern. Die Kindergartenkinder ziehen am frühen Abend mit ihren Laternen. Anschließend – und nur an diesem Tag – wird auf dem Buttermarkt die Bettlerszene aufgeführt: St. Martin teilt seinen Mantel mit dem armen Mann, gespielt von Bürgermeister Christoph Dellmans. 

Großer Schulkinderzug: Dienstag, 10. November, 17.30 Uhr 

Tausende Schulkinder ziehen mit ihren selbst gebastelten Fackeln durch die Altstadt, begleitet von St. Martin, den beiden Herolden und zahlreichen Musikkapellen. Ein Höhepunkt des Abends ist der Halt rund um die Kurkölnische Burg. Dort erleben Kinder und Erwachsene das traditionelle Großfeuerwerk, das von den Türmen der Burg gezündet wird.