Die Mittwochsmädels – ein Stück Heimat mit Kaffee, Geschichten und ganz viel Herz

Jeden Mittwoch um 10 Uhr treffen sich die „Mittwochsmädels“ an der Hülser Straße zum Kaffee, zum Lachen und zum Austausch über alles, was das Leben bewegt. Ein Besuch bei Kaffee und Eierlikör, voller Erinnerungen, gemeinsamer Erlebnisse und neuer Pläne.

Ulrike Gerards

Manchmal sind es nicht die großen Sehenswürdigkeiten oder tollen Geschäfte und Restaurants, die eine Stadt lebenswert machen. Natürlich gehören schöne Gebäude, ein lebendiger Marktplatz, Kultur und Feste dazu. Aber das wahre Zuhausegefühl entsteht oft im Kleinen: durch Menschen, die sich kennen, füreinander da sind und gemeinsam lachen. So wie die Mittwochsmädels von der Hülser Straße.

Es ist ein warmer Vormittag im Juni. Im Schatten einer Einfahrt haben sich die Damen ihre gemütliche Ecke eingerichtet. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Kekse, Kirschen, die Gespräche laufen längst, bevor der Überraschungsbesuch von der Presse eintrifft.  Wenn die Kirchturmuhr von St. Marien zehn schlägt, kommen sie auf dem ehemaligen Heyer-Hof an der Hülser Straße zusammen. Um 11 Uhr folgt die kleine Tradition: Dann wird ein Sektchen oder ein Schnäpschen eingeschenkt. Und meistens ist es Helmi Holtermann, die um Punkt 12 als Erste aufsteht und damit das Ende der geselligen Runde einläutet.

Die Mittwochsmädels – das sind Edith Heyer, Marion Hermanns, Dorothee Langfeld, Helmi Holtermann, Annemie Teuwen, Edith Mohr, Ursel Bollew, Theresie Blosczyk, Hiltrud Weinforth und Andrea Brüning. Zehn Frauen zwischen 63 und 89 Jahren, die eines verbindet: Sie genießen ihren Ruhestand – und die Gemeinschaft. Wer dazugehören möchte, muss nur eine Voraussetzung erfüllen: Zeit haben. „Man muss in Rente sein“, sagen die Damen lachend.

Alles außer Geläster und Krankheiten

Der Ursprung dieser besonderen Freundschaft liegt in einem einfachen, aber wichtigen Moment. Als vor 13 Jahren der Mann von Edith Heyer starb, klingelte ihre Nachbarin bei ihr und schaute nach ihr. Aus diesem Besuch wurde eine regelmäßige Verabredung. Nach und nach kamen weitere Frauen aus der Nachbarschaft rund um die Hülser Straße dazu. Aus einem Gespräch zu zweit wurde eine feste Gemeinschaft.

„Hier darf über alles gesprochen werden – nur nicht gelästert oder ständig über Krankheiten geklagt“, erklärt Edith Heyer mit einem Schmunzeln. Natürlich dürfe es auch einmal um das eigene Befinden gehen. Doch im Mittelpunkt stehen die schönen Dinge: Familie, Bücher, Politik, Kochrezepte und auch mal die Männer.

Dabei wird viel gelacht – und noch mehr erinnert. Die Frauen erzählen von der Zeit, als die Straßengemeinschaft HüBa für Hülser Straße und Bahnstraße das Viertel prägte, als gemeinsam für Familienfeste gekränzt und bei Mundart-Abenden auf Kemp’sch Platt vertällt wurde. Sie erinnern sich an die Tankstelle Holtermann an der Ecke zur St. Huberter Straße und an zahlreiche Geschichten und Persönlichkeiten, die die Nachbarschaft geprägt und bewegt haben – heitere ebenso wie die berühmt-berüchtigten Erzählungen rund um das Kempener „Blaubeer-Mariechen“, die sich mit vergiftetem Pudding ihrer Ehemänner entledigte.

Auch der Karneval gehört untrennbar zu den Mittwochsmädels. Gemeinsam wird gefeiert, gebastelt und sich verkleidet. In der vergangenen Session lautete ihr Motto „Ente gut, alles gut“, unter dem sie einheitlich kostümiert auftraten. Sogar das Norbert I. und Gerda I. statteten der jecken Runde einen Besuch ab. Jedes Jahr gestalten sie einen eigenen Orden, der in der Runde verliehen wird, und ein eigenes Mottolied gehört mittlerweile auch dazu.

Fester Termin im Kalender

Die Mittwochsmädels schauen aber nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorne. Sie unternehmen Ausflüge zur Landesgartenschau, besuchen Kunstausstellungen, die Kendel-Bühne oder fahren gemeinsam nach Venlo ins Gartencenter Leurs. Größere Reisen führen sie mit der Senioren-Initiative beispielsweise nach Delft in den Niederlanden oder zu einer Flusskreuzfahrt nach Frankreich.

Und wenn eine der Damen einmal alleine verreist, bringt sie meistens eine kleine Erinnerung mit. Gerne ist dann auch mal ein Fläschchen für den gemeinsamen Umtrunk  um 11 Uhr im Gepäck. „Wir haben eine große Auswahl, es hat je jede ihren eigenen Geschmack, von Kirsch bis Schlehe eigentlich alles anzubieten – Eierlikör natürlich auch“, erzählen sie lachend.

Die Mittwochstreffen sind für alle längst ein fester Termin im Kalender. „Den lässt man nur ungern ausfallen“, sagen die Frauen. Wer mittwochs um diese Zeit anruft, braucht es eigentlich gar nicht erst zu versuchen – da geht niemand ans Telefon.

Trotz aller gemeinsamen Ausflüge zieht es die Mittwochsmädels immer wieder nach Hause – nach Kempen. Ein Sommerabend am Buttermarkt, das Treiben in der Altstadt, die vielen Veranstaltungen im Jahreslauf: „Das ist doch fast wie Urlaub“, finden sie. Sicher habe sich die Stadt verändert, manche Geschäfte stehen leer und vieles ist anders geworden. Doch eines ist geblieben: das Gefühl von Heimat.

Und genau dafür stehen die Mittwochsmädels. Für eine Nachbarschaft, die aus einem Besuch in einer schweren Stunde entstand und über die Jahre zu einer Freundschaft geworden ist, die man nicht planen kann – aber die eine Stadt unbezahlbar macht.