Vier Slavisten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn haben Mitte Juni 2026 das Thomas-Archiv in Kempen besucht. Die Leiterin des Archivs, Dr. Ulrike Bodemann-Kornhaas, stellte der Gruppe die Bestände einen ganzen Tag lang für Untersuchungen zur Verfügung.
Im Mittelpunkt standen seltene osteuropäische Ausgaben der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen. Beeindruckt waren die Besucher zunächst, dass die Sammlung der Thomas-Übersetzungen mehr als 50 Sprachen umfasst, darunter mehr als ein Dutzend Ausgaben in slavischen Sprachen wie Russisch, Serbokroatisch, Bulgarisch, Tschechisch und Polnisch.
Zur Besuchergruppe gehörten der Kempener Axel Küppers, selbst Absolvent der Bonner Slavistik-Fakultät, der emeritierte Hochschuldozent Dr. Matthias Rammelmeyer sowie Dr. Isolde Grabenmeier und Dr. Jan Lipinsky.
Besonderes Interesse fand eine bislang nicht näher erforschte Ausgabe der „Nachfolge Christi“, die 1876 in Sankt Petersburg erschien. Die im damaligen Russisch verfasste Übersetzung enthält einige biografische Irrtümer über Thomas von Kempen. So wird er dort als Belgier bezeichnet und sein Geburtsort irrtümlich in die Nähe von Utrecht verlegt. Die Slavisten sehen darin ein interessantes Zeugnis der damaligen Wahrnehmung im russischen Kulturraum.
Offen blieb die Frage, welche Textvorlage der Übersetzung zugrunde lag. Weitere Forschungen sollen hierzu neue Erkenntnisse liefern. Dr. Matthias Rammelmeyer erklärte sich gegenüber der Archivleitung bereit, zusätzliche Passagen der historischen Ausgabe zu übersetzen und den antiquarischen Wert des Werkes näher zu untersuchen.
Ebenfalls untersucht wurde eine 1992 in Kiew erschienene Ausgabe, die sich deutlich von der Petersburger Übersetzung unterscheidet. Dabei handelt es sich um einen kulturhistorischen Sammelband, der neben einer Neuübersetzung der „Nachfolge Christi“ mehrere wissenschaftliche Beiträge zur mittelalterlichen Kultur enthält. Die Publikation verdeutlicht den nachhaltigen Einfluss von Thomas von Kempens Werk auf das europäische Geistesleben und seine Wertschätzung auch im osteuropäischen Raum.
Zum Abschluss ihres Aufenthalts besichtigten die Wissenschaftler verschiedene Erinnerungsorte in der Kempener Altstadt. An den Thomas-Gedenkstelen am Donkring trafen sie die Künstlerin Edith E. Stefelmanns, die das monumentale Kunstwerk aus indischem Granit und Corten-Stahl im Auftrag des Lions Club Kempen im Jahr 2018 geschaffen hat. Sie betonte die ungebrochene Aktualität der Werke des spätmittelalterlichen Augustinerchorherrn Thomas a Kempis mit den Worten: „Wenn man nicht wüsste, dass Thomas im 15. Jahrhundert gelebt hat, könnten seine Texte ebenso gut heute entstanden sein. Sie sind aktueller denn je.“
Der Thomas-Tag
„Magna res et amor – Die Liebe ist das Größte“ ist das Motto des Thomastags 2026. Thomas von Kempen, der berühmte Sohn der Stadt Kempen, wurde um 1380 hier geboren. Er starb am 25. Juli 1471 im Kloster Agnetenberg bei Zwolle. Auch ohne offizielle Heilig- oder Seligsprechung wird sein Todestag in Kempen als Thomastag begangen. Mit verschiedenen Veranstaltungen erinnert die Thomas-Stiftung alljährlich am Sonntag nach seinem Todestag an Leben und Wirken des bedeutenden Mystikers und geistlichen Schriftstellers.
Am Sonntag, 26. Juli, findet um 10 Uhr ein Gottesdienst in der Thomaskirche an der Kerkener Straße statt.
Um 17 Uhr lädt die Thomas-Stiftung zu einem festlichen Konzert in die Kempener Propsteikirche ein – in die Taufkirche des Thomas von Kempen. Für dieses besondere Konzert konnte Angela Janssen von der Thomas-Stiftung Kiefer die renommierte niederländische Sopranistin Murni Suwetja gewinnen. In ihrer Heimat machte sie mit außergewöhnlichen Programmen und einer vielbeachteten CD-Einspielung zu Texten des Thomas von Kempen auf sich aufmerksam. Gemeinsam mit der Organistin Ute Gremmel-Geuchen und dem Cellisten Thomas Weihrauch aus Kempen gestaltet sie ein abwechslungsreiches Programm, das die Gedankenwelt des Thomas von Kempen musikalisch lebendig werden lässt. Im Mittelpunkt stehen Vertonungen von Texten des Thomas, darunter vier spätromantische Lieder sowie der eindrucksvolle Text „Magna res et amor – Die Liebe ist das Größte“. Ergänzt wird das Programm durch eine Sonette des niederländischen Autors Jacques Baartmans, die in Anlehnung an die Schriften des Thomas entstanden sind. Mit ausdrucksvoller Musik romantischer Komponisten wie Alexandre Guilmant, Giuseppe Verdi und Gustav Mahler für Gesang, Orgel und Violoncello entsteht ein Konzert voller Klangfarben und spiritueller Tiefe. Die Verbindung von Musik und Wort macht dabei eindrucksvoll deutlich, wie zeitlos die Gedanken des Thomas von Kempen bis heute geblieben sind.

